Tuberkulose hat viele Gesichter

Das idyllische Anwesen des Heidelberger Tuberkulose-Museums und -Archivs, dessen Park der berühmte Gartengestalter Friedrich Ludwig von Sckell einst anlegte, kann über das unsägliche Leid der Tuberkulosekranken nicht hinwegtäuschen.

Am höchsten Punkte des kleinen Parks steht das Rohrbacher Schloss, in dem das...
Am höchsten Punkte des kleinen Parks steht das Rohrbacher Schloss, in dem das Heidelberger Tuberkulose-Museum und -Archiv seit Dezember 2011 beheimatet ist. Seine heutige Form erhielt das Gebäude von Markgräfin Amalie von Baden, die das spätbarocke Landhaus 1803 in ein klassizistisches Schlösschen umwandeln ließ. Hier empfing sie unter anderem ihren illustren Schwiegersohn, Zar Alexander I., sowie Kaiser Franz I. von Österreich und Johann Wolfgang Goethe.
Am höchsten Punkte des kleinen Parks steht das Rohrbacher Schloss, in dem das...
Am höchsten Punkte des kleinen Parks steht das Rohrbacher Schloss, in dem das Heidelberger Tuberkulose-Museum und -Archiv seit Dezember 2011 beheimatet ist. Seine heutige Form erhielt das Gebäude von Markgräfin Amalie von Baden, die das spätbarocke Landhaus 1803 in ein klassizistisches Schlösschen umwandeln ließ. Hier empfing sie unter anderem ihren illustren Schwiegersohn, Zar Alexander I., sowie Kaiser Franz I. von Österreich und Johann Wolfgang Goethe.

Und genau hier setzen die drei Initiatoren der Sammlung, Prof. Dr. Werner Ebert, Prof. Dr. Felix Herth und Prof. Dr. Volker Schulz, praktizieren de und ehemalige Chefärzte der Thoraxklinik- Heidelberg, an. Sie möchten „die Geschichte der Volksseuche Tuberkulose (TB) in Mitteleuropa, insbesondere in Deutschland bis zum Anfang der Chemotherapie zu Ende der 1940er bis 1950er Jahre darstellen“, sagt Prof. Dr. Schulz, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Zugleich wollen sie mit dem Aufzeigen des Entstehens, der Verbreitung und Bekämpfung von TB helfen, dass auch neue Fälle der TB schnell erkannt werden. Deshalb richtet sich die Sammlung an „Mediziner, Jugendliche, Studenten und Bürger“, verdeutlicht Schulz. Denn obgleich laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch im Jahre 2012 weltweit 1,3 Millionen Menschen an Tuberkulose starben und 8,6 Millionen an ihr erkrankten, ist sie mittlerweile in Deutschland kaum noch anzutreffen. Litten hier von 100.000 Einwohnern im Jahre 1900 noch 600 an TB, so waren es 2006 nur noch 5,4.

Die Heidelberger Thoraxklinik greift auf hundertjährige Erfahrung zurück
Das Rohrbacher Schlösschen, wie es liebevoll im Volksmund genannt wird, als Domizil der fünf Räume umfassenden Sammlung, ist kongenial mit dessen Geschichte verbunden. Nicht nur, dass auch die damalige Schlossbesitzerin Markgräfin Amalie unter TB litt, sondern „nach 1918 wurde das Schlösschen als Tuberkulosekrankenhaus für Kriegsbeschädigte genutzt und wurde damit zur Keimzelle der heutigen Thoraxklinik“, erläutert Schulz.

Das Tuberkulose-Archiv
Der Rundgang beginnt im Untergeschoss, in dem 7.000 Titel umfassenden Tuberkulose-Archiv. Es beherbergt historische und jüngere Forschungsergebnisse zur TB und dokumentiert anhand von Auszügen aus Krankenakten der Gesundheitsämter Dresden und München der Jahre 1925 bis 1955 hautnah verschiedene Facetten der Krankheit. So erfährt man zum Beispiel, dass Helene N. am 22.7.1941 das zuständige Gesundheitsamt in Dresden in einem Brief bittet: „Sehr geehrtes Fräulein Hölkeskamp, … könnte ich nicht noch ein bischen Butterzulage bekommen?“ Das Archiv führt auch vor Augen, wie allgegenwärtig TB einst in Deutschland war, denn zahlreiche literarische und musikalische Werke handeln von TB. Die Protagonisten von Arthur Schnitzlers „Sterben“ (1892), Fontanes‚ „Effi Briest“ (1896), Thomas Manns „Zauberberg (1924), Max Frischs „Stiller“ (1954) bis zu Christa Wolfs „August“ (2011) sowie Giuseppe Verdis „La traviata“(1853) und Giacomo Puccinis „La bohème“ (1895) werden mit der unter anderem auch als Schwindsucht bezeichneten Krankheit konfrontiert. Gleichzeitig konkretisiert das Archiv, wie viele Berühmtheiten der TB zum Opfer fielen, von Franz von Assisi, Johann Wolfgang von Goethe, über Karl Marx bis Franz Kafka. Dabei ist TB „keine romantische Krankheit“, verweist Schulz, „sondern ein grausiger Tod, die Menschen sterben an Erschöpfung“.

Medizingeschichte im Tuberkulose-Museum
Die Medizingeschichte bildet den Kern des Tuberkulose-Museums in den vier Räumen des Obergeschosses. Die historischen Fotos, medizinischen Apparaturen, chirurgischen Instrumente, radiologischen Aufnahmen, Moulagen und Alltagsgegenstände einer TB-Heilstätte beleuchten Diagnose und Behandlungsweisen der Krankheit im 19. und 20. Jahrhundert. Zentral für den Fortschritt der Diagnose ist Robert Kochs Entdeckung des Tuberkulosebakteriums in Verbindung mit dem Einsatz von Röntgentechnologie. Die Darstellung der Pneumothorax-Behandlung sowie die zahlreichen Illustrationen der Heilstätten-Bewegung, die auf Hermann Brehmer und dessen Schüler Peter Dettweiler zurückgehen, rufen den „Zauberberg“ ins Gedächtnis: Moderate Bewegung in Verbindung mit kalorienreicher Kost und ausgedehnten Freiluftliegekuren zeichnet das Leben der Kranken. Aber auch die Tuberkulosefürsorge und -aufklärung sowie die Versuche, der TB mit Impfen zu Leibe zu rücken, werden hier dargestellt. Den Abschluss der Sammlung bildet ein Abriss der Entwicklung der antituberkulösen Chemotherapie, die zum ersten Mal ein breitenwirksames Mittel gegen die TB schuf und, in Verbindung mit verbesserten Lebensbedingungen, das Ende der TB als Massenseuche in den Industrieländern einleitete.

30.05.2014

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