city scape and network connection concept

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Nationaler Fachkongress Telemedizin

Telemedizin: Netzwerkdenken statt abgeschotteter Sektoren

Der Nationale Fachkongress Telemedizin geht im kommenden Jahr in die zehnte Runde. Vom 13.-14. Januar 2020 diskutieren Experten aus Gesundheitspolitik, Wissenschaft und Praxis in Berlin über die neuesten Entwicklungen des Feldes und tauschen Erfahrungen aus.

Dr. Franz Bartmann, Vorstandsmitglied und Sprecher des Landesverbandes Nord der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin e. V., spricht im Interview über den Erfolg der Veranstaltungsreihe trotz massiv gestiegener Konkurrenz, neue gesetzliche Rahmenbedingungen für die Telemedizin und die Besonderheiten des anstehenden Kongresses.

Sie feiern in diesem Jahr mit dem Nationalen Fachkongress Telemedizin 10-jähriges Jubiläum. Was macht die Veranstaltung Ihrer Meinung nach zu diesem Dauerbrenner in der Gesundheits-/IT-Branche?

portrait of franz bartmann
Dr. Franz Bartmann ist Vorstandsmitglied und Sprecher des Landesverbandes Nord der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin e. V.

Das Bemerkenswerte daran ist vor allem, dass in den 10 Jahren des Bestehens die Zahl der Veranstaltungen, die um den gleichen oder zumindest einen ähnlichen Besucherstamm konkurrieren, geradezu exponentiell zugenommen hat. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine überregionale Veranstaltung aus dem Themenkomplex Digitalisierung, Telematik, Telemedizin bundesweit um Teilnehmer wirbt. Zählt man die zahlreichen regionalen Veranstaltungen hinzu, kann man durchaus von einem gewissen Sättigungseffekt ausgehen.

Die DGTelemed profitiert ganz offensichtlich davon, dass sie immer um Authentizität und Neutralität bemüht war, und dieses Signal auch außen so wahrgenommen wurde und wird. Hinzu kommt eine von Anfang an bestehende – und momentan noch zunehmende – Wahrnehmung durch die Politik, die dazu geführt hat, dass wir bisher auf jedem Kongress hochrangige Vertreter aus der Gesundheitspolitik als Referenten und in Diskussionsforen begrüßen durften.

Dieses Mal wird das am 8. November im Bundestag verabschiedete Digitale Versorgung-Gesetz (DVG) von besonderem Interesse sein. Die meisten Neuregelungen gehen weit über das hinaus, was in früheren Gesetzgebungsverfahren eher als Anstoß und Appell an die Umsetzung durch die Selbstverwaltung verstanden werden konnte – mit entsprechend nur geringen Effekten in der realen Versorgung. Erinnert sei beispielsweise an die Videosprechstunde aus dem E-Health-Gesetz 2015. Diese wurde durch den gemeinsamen Bewertungsausschuss zwar umgesetzt, aber in einer Art, dass die Aufnahme in den Leistungskatalog der GKV eher zu einem Rückgang denn zu einer Förderung geführt hat. Vor diesem Hintergrund ist die im DVG vorgenommene Änderung des § 9 des Heilmittelmittelwerbegesetzes (HWG), die eine Bewerbung der Fernbehandlung ausdrücklich erlaubt, geradezu ein Paradigmenwechsel, zumal noch im Sommer dieses Jahres das Landgericht 1 in München eine private Krankenversicherung wegen eines Verstoßes gegen den aktuell noch gültigen Paragraphen sanktioniert hat.

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Einen Tag vor dem Kongress laden Sie bereits unter dem Motto „Mitglied trifft Vorstand“ alle DGTelemed-Mitglieder zu einem informellen Treffen ein. Was ist das Ziel dieses Treffens?

Dies ist möglicherweise ein weiteres Merkmal, welches zumindest zum Teil für den Erfolg der DGTelemed steht – die enge Bindung und Identifikation der Mitglieder an die Institution. Zahlende Mitgliedschaft ist nur dann auf Dauer tragfähig und haltbar, wenn ich als Gegenleistung für den Mitgliedsbeitrag einen geldwerten oder immateriell-ideellen Vorteil erwarten kann. Alle Mitglieder vereint das Interesse an einer Stärkung und Förderung digitaler Gesundheitsanwendungen, kurz DIGAS, und telemedizinischer Behandlungsverfahren. Die Möglichkeit, sich dabei inhaltlich einzubringen macht dabei den Unterschied aus zu einer rein passiven Mitgliedschaft, getragen von der Hoffnung, dass „die da Oben“ das schon richten werden. Da viele Teilnehmer erfahrungsgemäß bereits am Vortag anreisen, schien uns der Vorabend geeignet für einen informellen und informativen Gedankenaustausch, der möglicherweise sogar noch gestaltend auf das Kongressprogramm an den Folgetagen einwirken kann. Mit Sicherheit entfaltet er Auswirkungen auf Themenfindung und Arbeitsschwerpunkte des kommenden Jahres. Die offizielle Mitgliederversammlung wird dann wie im laufenden Jahr im Herbst stattfinden, wenn die erforderlichen Kerndaten, die im Zentrum einer derartigen Veranstaltung stehen, belastbar vorliegen.

Der Kongress steht ganz unter dem Motto „Netzwerke statt Sektoren“. Können Sie uns in einer kurzen Zusammenfassung einen tieferen Einblick in die einzelnen Themenschwerpunkte geben?

Das Bemühen um Interoperabilität nimmt auch in der allgemeinen Patientenversorgung einen höheren Stellenwert ein als jemals zuvor

Franz Bartmann

Sektorale Versorgung und Datenexklusivität haben in Deutschland eine gewachsene Tradition, die nicht nur zwischen den klassischen Sektoren ambulant/stationär für Kommunikations- und Informationsbrüche sorgt. Vielmehr wird durch nicht kompatible und abgeschottete Praxis- und Krankenhausinformationssysteme ein unmittelbarer Austausch von digital vorliegenden Patientendaten auch innerhalb des jeweiligen Sektors unmöglich gemacht. Das heißt: Diagnostik, Therapie und Datenspeicherung erfolgen vor Ort bereits weitgehend oder komplett digital, die Kommunikation der dabei gewonnenen Informationen und Daten aber analog. Die dabei in Kauf genommenen Informationsbrüche werden nicht dadurch kleiner, dass die übermittelten Daten auf der Empfängerseite dann wieder eingescannt und digital abgelegt werden. Diese Defizite sind Vielen bewusst. Gleichwohl haben entsprechende Appelle in der Vergangenheit wenig bewirkt. Das ändert sich derzeit dramatisch.

Die im November 2015 auf der MEDICA durch die damals für Forschung zuständige Bundesministerin Wanka vorgestellte Medizininformatik-Initiative hat eine damals nicht vorstellbare Dynamik ausgelöst. Den vier initial ausgewählten wissenschaftlichen Konsortien sind mittlerweile alle Hochschulorte in Deutschland angeschlossen. Alle gemeinsam haben kürzlich einen konkreten Fahrplan zur Implementierung austauschbarer Datenpools entwickelt. Auch außerhalb der hier vor allem auf Forschung fokussierten Bestrebungen nimmt das Bemühen um Interoperabilität auch in der allgemeinen Patientenversorgung einen höheren Stellenwert ein als jemals zuvor. Initial werden auf dem Nationalen Fachkongress Telemedizin im Januar hochrangige Vertreter der Gesundheitsministerien einzelner Bundesländer über Ihre jeweiligen Bemühungen um strukturelle Veränderungen zur Förderung von Telemedizin und Kommunikationsplattformen für alle an der Versorgung beteiligte Gesundheitsberufe berichten. Danach werden in mehreren Sitzungen exemplarische Projekte aus der aktuellen Versorgung vorgestellt, diskutiert und in Kleingruppen in Form von Breakout-Session weiter erarbeitet. Der zweite Tag widmet sich den Auswirkungen des DVG und insbesondere den neuen App-basierten Versorgungsformen, bevor dann als Höhepunkt ein Science-Slam mit anschließender Verleihung des Telemedizinpreises steigt.

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Wenn Sie die Preisverleihung schon ansprechen: Was macht den besonderen Reiz dieses Preises für die jeweiligen Bewerber aus?

Diese Frage haben wir uns ernsthaft auch gestellt! Wie können wir möglicherweise den Anreiz für eine aktive Bewerbung um diesen Preis noch erhöhen? In diesem Jahr werden wir deshalb den Preis erstmals in Form eines Science Slam vergeben. Bis zu sechs vorab ausgewählte Bewerber erhalten die Gelegenheit, ihre Produkte und Ideen in Form eines Kurzvortrages zu präsentieren. Darüber hinaus haben sie die Chance, sich im Rahmen einer begleitenden Posterausstellung, die von Beginn der Veranstaltung geöffnet ist, den Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu stellen. Denn entscheidend für das abschließende Ranking und die Ermittlung des Gewinners ist das Votum des Auditoriums. Auch dies ein weiterer Schritt, um mehr Interaktion mit unseren Mitgliedern und allen Telemedizininteressierten zu schaffen.

17.12.2019

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