Radiologie mit Praxisbezug

Anlässlich des Bayerischen Röntgenkongresses sprach Daniela Zimmermann mit dem ersten Vorsitzenden der Bayerischen Röntgengesellschaft, Prof. Dr. Dr. Reinhard Loose, über den diesjährigen Bayerischen Röntgenkongress und über berufspolitische Aspekte der Radiologen.

Prof. Dr. Dr. Reinhard Loose
Prof. Dr. Dr. Reinhard Loose

radiologia bavarica: Ist die Ausrichtung eines Bayerischen Röntgenkongresses eigentlich noch zeitgemäß bei dem großen Angebot fachlicher Fortbildungen wie etwa dem Deutschen Röntgenkongress?

Prof. Loose: In den vergangenen Jahren gab es einen starken Wandel in der Programmgestaltung der radiologischen Kongresse: Die großen internationalen Kongresse wie RSNA und ECR legen weiterhin einen sehr großen Schwerpunkt auf Wissenschaft und Forschung. Der Deutsche Röntgenkongress hat sich insofern entwickelt, als dass er den wissenschaftlichen Aspekt zwar weiterhin bedient, aber den Fort- und Weiterbildungsteil für Assistenz- und Fachärzte wesentlich stärker in den Vordergrund gerückt hat. Und die radiologischen Landesverbände haben auf den Landeskongressen wie dem RRR den Frühjahrskursen der Vereinigung Südwestdeutscher Radiologen und Nuklearmediziner oder dem Bayerischen Röntgenkongress ihre Jahresversammlungen mit den Fortbildungen oft zu einer Veranstaltung zusammengezogen. Diese Landeskongresse haben das Ziel, in einem regionalen Umfeld gute Fortbildung mit allem, was dazugehört, anzubieten: von der Facharztvorbereitung über Updates zu Schwerpunktthemen bis zum praktischen Strahlenschutz. Dabei ist der Wissenschaftsteil fast auf null geschrumpft. Von daher haben die Landeskongresse durchaus ihre Existenzberechtigung, sie erfüllen sehr gut ihren Zweck und sollten in dieser Form auch erhalten bleiben.

Im Programm des Bayerischen Röntgenkongresses findet sich also mehr Praxis als Theorie.

Ja, in ausgewogenem Maße – das ist aber nicht neu. Die Entwicklung zu einem mehr an der Fortbildung orientieren Kongress hat eigentlich bereits 2001 eingesetzt, als Prof. Andreas Heuck den Kongress organisierte. Damals gab es zwei Neuerungen: Zum einen hat er den Röntgenkongress im Kloster Irsee ausgerichtet, quasi in Klausur, und zum zweiten hat er dort einen reinen Fortbildungskongress mit sehr hochrangigen Referenten organisiert. Das ist von unseren Mitgliedern sehr gut aufgenommen worden. Dieser Faden wurde nun wieder aufgegriffen, denn zum zweiten Mal seit 2001 wird der Kongress von niedergelassenen Kollegen ausgerichtet – und nicht von einer Universität oder einem Klinikum. Um allerdings nicht nur einer Praxis die Organisation des Kongresses aufzubürden, sind diesmal zwei Praxen involviert: das Institut für bildgebende Diagnostik und Therapie BDT – MVZ Radiologie und Nuklearmedizin von PD Dr. med. Karina Hofmann-Preiß in Erlangen und das RNZ Martin-Richter-Straße von Prof. Dr. Michael Cordes in Nürnberg. Beide Kongresspräsidenten gestalten den Kongress aus dem Blickwinkel eines Radiologen in einer niedergelassenen Praxis, der durchaus ein anderer ist als der der Kollegen aus dem stationären Bereich.

Bedeutet das noch mehr praktischen Bezug bei den Inhalten?

Das Spektrum verschiebt sich natürlich ein bisschen auf die radiologischen Schwerpunkte, die von den Praxen hauptsächlich betrieben werden. Richtet eine Uniklinik den Kongress aus, dann kommen wahrscheinlich etwas mehr interventionelle Radiologie, Notfalldiagnostik, Multidetektor-CT, Dual Source und PET-CT im Programm vor. Dieses Jahr bestimmen Themen, die für den Praxisalltag relevant sind, das Programm. Das ist kein kompletter Paradigmenwechsel, sondern nur eine leichte Verschiebung des Spektrums. So wird ein Schwerpunkt auf muskuloskelettalen Erkrankungen liegen, die typischerweise auch häufig in Praxen untersucht werden. Für die entsprechenden Vorträge konnten wir deutsche Koryphäen gewinnen wie Prof. Klaus Bohndorf und Prof. Jürgen Freyschmidt, die über muskuloskelettale Erkrankungen referieren. Ein weiterer Fokus liegt auf der Thoraxdiagnostik, die ja sowohl in der Praxis als auch in der Klinik durchgeführt wird. Neben radiologischen Topreferenten haben wir in diesem Jahr auch sehr viele Kliniker eingeladen. Ein besonderes Anliegen war den Kongresspräsidenten die Mammadiagnostik. Hier haben wir neben der Leiterin des Münchener Referenzzentrums, Prof. Sylvia Heywang-Köbrunner, mit Prof. Per Skaane aus Oslo ein europäisches Schwergewicht der Mammadiagnostik nach Erlangen holen können. Auch die Onkologie ist breit vertreten, weil in den meisten Praxen, die zum Teil MVZ und Krankenhäuser mitversorgen, auch Nuklearmediziner tätig sind. Und natürlich haben wir auch wieder das Übliche im Programm: „Fit für den Facharzt“, Physik, Strahlenschutz und Grundlagenweiterbildung. Die Themenschwerpunkte sind auf jeden Fall so gewählt, dass die Aspekte der Niedergelassenen gut abgedeckt sind.

Inwieweit spielen berufspolitische Aspekte auf dem Kongress eine Rolle?

Es gibt immer mal wieder Anfragen, ob man nicht über den Berufsverband Themen wie die Besetzung von Praxen, Bezahlungen und Zuweisungen mit in den Kongress aufnehmen sollte. Sowohl mein Vorgänger als Vorsitzender, Prof. Bohndorf, als auch ich sind der Meinung, dass es nicht das Ziel der BRG als wissenschaftliche radiologische Fachgesellschaft ist, Berufspolitik zu betreiben. Die Satzung schreibt unsere Aufgaben fest – und dazu gehören die radiologische Diagnostik, Strahlenschutz, Fort- und Weiterbildung, aber keine ökonomischen und berufspolitischen Belange.

Wenn das beim Bayerischen Radiologenkongress nicht diskutiert wird: Welches Forum gibt es dann?

Das sind doch Fragen, die gerade den Praxisalltag besonders berühren? Also das wichtigste Forum für die deutsche Radiologie ist sicher der Berufsverband BDR und das zweite wichtige Forum ist das von der Deutschen Röntgengesellschaft organisierte Chefarztforum leitender Krankenhausradiologen. Dort diskutieren die nichtuniversitären Chefärzte alle Fragen, die sich aus ihrer Leitungsfunktion ergeben. Das ist ein reines Forum der Krankenhausradiologen, während die Niedergelassenen sich in ihren Belangen mehr vom Berufsverband der Radiologen und lokalen Gruppierungen vertreten sehen.

Aber gibt es denn keinen gemeinsamen Tisch, an dem Sie alle zusammenkommen und Ihr Fach fördern?

Diese Aufgabe müssten meiner Meinung nach das Chefarztforum der DRG, das Forum der leitenden Universitätsradiologen und der Berufsverband wahrnehmen. Es ist ein schwieriges Thema, bei dem in Zukunft sicher noch starker Gesprächs- und Abstimmungsbedarf besteht. Vielen Dank für das Gespräch!

I M P R O F I L

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Dipl.-Phys. Reinhard Loose trat seine Stelle als Chefarzt am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Klinikums Nürnberg-Nord im Jahr 1996 an. Seine medizinische Laufbahn begann 1985 am Institut für Klinische Radiologie der Universität Mannheim. Prof. Loose studierte und promovierte in den Fächern Physik und Humanmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen und an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg-Mannheim. Schon damals war er am Thema „Strahlenschutz“ interessiert. Heute engagiert er sich unter anderem in der Strahlenschutzkommission SSK des Bundesministeriums für Umwelt und im Subcommittee „Radiation Protection“ der European Society of Radiology (ESR). Seit 2007 ist Loose 1. Vorsitzender der Bayerischen Röntgengesellschaft. Er war 2006 Kongresspräsident des Deutschen Röntgenkongresses, wurde von der DRG mit der Albers-Schönberg-Medaille (2004) und dem Felix-Wachsmann-Preis (2006) ausgezeichnet.

 

 

24.09.2012

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