Ein Lichthimmel über jedem Bett, versteckte Geräte und warme Holztöne bilden...
Ein Lichthimmel über jedem Bett, versteckte Geräte und warme Holztöne bilden das Gesamtkonzept der neu gestalteten Intensivzimmer in der Charité Berlin

© GRAFT Architekten / Tobias Hein

Gestaltung von Krankenhauszimmern

Mit Licht und Farbe den Genesungsprozess fördern

In den vergangenen zehn Jahren ist die Intensivmedizin in Deutschland sehr viel moderner geworden, was dazu geführt hat, dass immer mehr Patienten überleben. Die Kehrseite der Medaille zeigt jedoch, dass ein Drittel der Überlebenden zum Teil ein Leben lang an kognitiven, physischen und psychischen Gebrechen leidet. Um das zu verhindern, haben die Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Helios Universitätsklinikum Wuppertal ihre Raumkonzepte für die Intensivstationen hinsichtlich der Licht- und Farbgestaltung neu konzipiert und die Projekte wissenschaftlich begleitet.

Bericht: Sonja Buske

Die Ergebnisse geben nicht nur Aufschluss über die Wirkung von Licht und Farbe auf Patienten, sie werden auch für die Gestaltung zukünftiger Intensivstationen eine wichtige Rolle spielen.

portrait of alawi lütz
Prof. Dr. Alawi Lütz ist Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin

„Früher“, erinnert sich Prof. Dr. Alawi Lütz, „wurden Intensivpatienten durch Medikamente oder eine Narkose sediert, damit sie von der Schwere ihrer Erkrankungen und dem oft beunruhigenden, sehr technisierten, lauten Krankenhaussetting nichts mitbekommen. Das hatte jedoch zur Folge, dass Patienten häufiger verstarben oder ein deutlich höheres Risiko für persistierende kognitive Beeinträchtigungen hatten. Deshalb sehen die Leitlinien heute vor, Intensiv-Patienten wach zu halten“, berichtet der Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin an der Charité. In der klinischen Praxis erweist sich das allerdings als Herausforderung, denn wache Patienten entwickeln oft eine starke Unruhe, sind orientierungslos und zeigen Angstsymptome. Besonders Patienten im Delir zeigen diese Symptome häufig. „Um sie zu beruhigen, geben wir ihnen wieder sedierende Medikamente. Ein Teufelskreis“, sagt Lütz. Um diesen zu durchbrechen, haben er und seine Kollegen entschieden, die Umgebung an die Leitlinien anzupassen und einen Raum zu schaffen, in dem der Patient wach und trotzdem entspannt sein kann und sich im besten Fall wohl und geborgen fühlt.

Innerhalb von zwei Jahren wurde mit Hilfe einer finanziellen Förderung durch das Bundeswirtschaftsministerium in Höhe von rund 1 Million Euro ein neues Raumkonzept für die Intensivstation konzipiert. Dafür wurden Architekten, Mediendesigner, Anästhesisten, Intensiv- und Schlafmediziner, Intensivpflegekräfte sowie Psychiater und Chronobiologen mit ins Boot geholt. Umgestaltet wurden zwei Zweibettzimmer am Campus Virchow-Klinikum. Das Projekt wurde von Beginn an wissenschaftlich durch Lütz begleitet.

Schlaf-Wach-Rhythmus durch Himmelsbilder regulieren

Die Patienten bekommen am Tag zu wenig und in der Nacht zu viel Licht

Alawi Lütz

Eines der wesentlichen Ziele bei der Umgestaltung der Intensivzimmer war die Unterstützung von natürlichem Schlaf. „EEG-Untersuchungen haben gezeigt, dass Patienten auf der Intensivstation kaum schlafen“, berichtet Lütz. Die Folge sind kognitive Beeinträchtigungen. „Ihr Schlaf-Wachrhythmus ist hochgradig gestört, was zum einen auf den hohen Schalldruckpegel aber auch auf völlig inadäquate Lichtbedingungen zurückzuführen ist. Die Patienten bekommen am Tag zu wenig und in der Nacht zu viel Licht.“ Größere Fenster würden oft keine deutliche Verbesserung bringen, da auch dann nicht ausreichend Licht im Auge des Patienten ankommt, um biologisch wirksam zu sein. Tauscht man die Leuchtkörper lediglich gegen hellere Lampen aus, werden die Patienten oft geblendet. Lütz und sein Team haben lange auf dem Markt nach einer Lösung gesucht, aber keine gefunden, die einen medizinischen Nutzen versprach. Deshalb haben sie Kriterien zusammengetragen, die eine Beleuchtung erfüllen muss, um bei schwer kranken Patienten medizinisch wirksam zu sein. In der Firma Philips haben sie einen Partner gefunden, der die Ideen des Teams technisch und baulich umgesetzt hat. Das Ergebnis ist ein individuell für jeden Patienten steuerbarer Lichthimmel über dem Bett, der mittlerweile in Serie produziert wird und als Medizinprodukt zertifiziert wurde. Er kommt bereits in verschiedenen Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Einsatz. Verschiedene Licht-Schichten sorgen dabei für unterschiedliche Wirkungen: Die Basisschicht simuliert den Himmel. Gekoppelt an die Wetter-Echtzeitdaten sieht der Patient Wolken, Sonne oder Sterne und kann sich somit intuitiv zeitlich orientieren.

Grüner Blätterwald soll Schmerzen reduzieren

Eine weitere Schicht simuliert einen Blätterwald. Je nach Stärke der Schmerzen legen sich mehr oder weniger unscharfe grüne Blätter über den Himmel. Denn: „Die Farbe Grün reduziert nachweislich das Schmerzempfinden und den Bedarf an starken Schmerzmitteln“, so Lütz. „Jeder Patient sieht mindestens fünf Minuten pro Stunde das Blätterdach.“ Um den bestmöglichen Effekt zu erreichen, werden die klinischen Daten in das System eingespeist, so dass der Zustand des Patienten unmittelbare Auswirkungen auf die Visualisierung der Lichtdecke hat. Braucht der Patient Anregung, bewegen sich zudem die Blätter, hat er Angst oder Halluzinationen, herrscht Stillstand.

Doch nicht nur das Licht, sondern das Gesamtkonzept beeinflusst den Zustand des Patienten. Daher wurden die beiden Intensivzimmer komplett umgestaltet: Medizinische Geräte wurden außerhalb des Blickfelds des Patienten positioniert, Möbel in Holzoptik sollen Wärme signalisieren und ein optischer Raumtrenner schafft Privatsphäre. Zudem wurden schallabsorbierende Materialien zur Lärmreduktion verwendet, und ein vorgeschalteter Observationsraum sorgt dafür, dass die Mitarbeiter die Patienten durch ein Fenster im Blick haben, ohne ständig den Raum betreten zu müssen. 

Reduzierung der Hirnfunktionsstörungen um fast 30 Prozent

Die Frage, die sich dann stellte, war: Hilft das wirklich? Eine Pilot-Studie mit 37 Patienten konnte bereits zeigen, dass die Häufigkeit der akuten Hirnfunktionsstörung Delir um fast 30 Prozent reduziert werden konnte. Woran das genau lag, lässt sich nicht sagen. „Dafür müssten in Folgestudien alle Faktoren einzeln untersucht werden“, sagt Lütz. Er arbeitet daher bereits an einer neuen Studie, in der ausschließlich die Wirkung der Lichtdecke ausgewertet wird. Auf lange Sicht möchte die Charité multizentrische Studien mit mehreren tausend Patienten durchführen, um aussagekräftige Daten zum Einfluss auf das langfristige Behandlungsergebnis zu bekommen.

Vier Intensivstationen in Wuppertal umgestaltet

Photo
Prof. Dr. Axel Buether (links) und Dr. Gabriele Wöbker sind sehr zufrieden mit der neuen Farbgebung auf den Fluren und in den Zimmern im Helios Universitätsklinikum Wuppertal

© Helios Universitätsklinikum Wuppertal, Michael Mutzberg

In diesem Punkt ist das Helios Universitätsklinikum Wuppertal schon einen Schritt weiter: Die Mitarbeiter haben bereits im Jahr 2016 angefangen, vier komplette Intensivstationen so umzugestalten, dass das Delir nach Möglichkeit verhindert und das Wohlbefinden der Patienten gesteigert wird. Dafür hat die Klinik für Intensivmedizin unter Leitung von Dr. Gabriele Wöbker den Kontakt zum Zentralinstitut für Farbe in Wissenschaft und Gestaltung der Bergischen Universität Wuppertal gesucht: „Die Intensivstationen mussten im Rahmen üblicher Renovierungsarbeiten gestrichen werden, weshalb der Zeitpunkt günstig war, sich über neue Farbkonzepte Gedanken zu machen“, erklärt die Chefärztin der Klinik für Intensivmedizin. Prof. Dr. Axel Buether lehrt „Didaktik der visuellen Kommunikation“ und war von der Idee sofort begeistert: „Ich fand es spannend zu erforschen, welchen Einfluss der Faktor Raum auf den Gesundheitszustand des Patienten haben kann.“ Dafür haben Wöbker und Buether zuerst festgelegt, welche Wirkung welcher Raum auf Patienten und Mitarbeiter haben sollte. Denn beiden war wichtig, dass auch die Mitarbeiter von der Umgestaltung profitieren. Danach ging es an die Farbauswahl. Buether erläutert: „Menschen brauchen Farben, die eine Begrenzung schaffen und ihnen Halt geben. Gelb, Weiß und Hellblau erreichen das nicht, daher fühlt man sich in einem Raum, der in diesen Lichtfarben gestrichen ist, schnell verloren. Eine Farbe muss aber auch Licht reflektieren, um Enge entgegenzuwirken. Sandige Töne sind Körperfarben. Sie reflektieren genügend Licht und bieten dem Auge dennoch genügend Halt.“ Deshalb fiel die Wahl bei einer Station auf abgetönte erdige Grün-, Gelb-, Braun- und Rottöne, die den Patienten Geborgenheit und Sicherheit vermitteln. Wichtig war dem Team, dass die Flure eine deutlich kühlere und hellere Farbstimmung und Beleuchtung bekommen, um den Unterschied zwischen einem ruhigen Patientenzimmer und dem hektischen Treiben auf den Fluren zu verdeutlichen. „Menschen verhalten sich automatisch leiser, wenn die Umgebung persönlicher und wohnlicher wirkt“, erklärt Buether. „Dem Personal ist es dagegen wichtig, nach einer hoch belasteten Arbeitssituation einen Atmosphärenwechsel zu erleben, um schneller abschalten zu können und die Erholungsphase zu verlängern.“ Deshalb wurden in den Personalräumen reinere, frische Farben wie Apfelgrün und helle Holztöne verwendet, die die Erholung fördern sollen.“

Erdige Farbtöne sollen im Wuppertaler Musterzimmer Geborgenheit und Wärme...
Erdige Farbtöne sollen im Wuppertaler Musterzimmer Geborgenheit und Wärme vermitteln

© Helios Universitätsklinikum Wuppertal / Michael Mutzberg

Anregende und beruhigende Farbgestaltung

Jede Station und jedes Zimmer sind anders gestaltet, angepasst an die jeweiligen Krankheitsbilder. „Depressive Patienten brauchen aufmunternde und stimulierende Farben, Suizidpatienten möchten wir dagegen durch Farben besänftigen.“, berichtet Chefärztin Wöbker. Um die Farbeffekte zu unterstützen, wurden auf allen Stationen Energiesparlampen gegen LED-Leuchten mit unterschiedlicher Farbtemperatur ausgetauscht. „LEDs haben einen höheren Farbwiedergabeindex und geben dadurch Raumfarben natürlicher wieder. Energiesparlampen lassen Farben dagegen unnatürlich aussehen, Gesichter wirken kälter und erschweren die soziale Kommunikation. Der Austausch der Lampen war daher eine wichtige Ergänzung zur Farbgestaltung der Wände“, so Buether. Auf den Fluren kamen Leuchtmittel zum Einsatz, die das Licht zur Mittagszeit nachempfinden, und in den Zimmern wurde warmweißes Licht eingebaut, um eine freundliche Atmosphäre zu schaffen. In einem Musterzimmer hat das Team sogar biodynamisches Licht der Firma Trilux einbauen lassen, das den Tag-Nacht-Rhythmus nachbildet. „In diesem Zimmer ist es noch ruhigerer und die Patienten finden ihre innere Uhr wieder“, ist Wöbker begeistert. Im Neubau würde sie diese Gestaltung gerne in jedem Intensivzimmer umsetzen.

Studienergebnisse belegen Wirksamkeit

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, denn der Konzern hat das Farb- und Lichtkonzept bereits in die Helios-Bauempfehlung übernommen. Ausschlaggebend dafür waren unter anderem die Ergebnisse der Studie, die über einen Zeitraum von neun Monaten jeweils vor und nach der Umgestaltung durchgeführt wurde. Nach dem Schulnotensystem sollten die Mitarbeiter zum Beispiel angegeben, wie zufrieden sie mit ihrem Arbeitsplatz sind. Vor der Umgestaltung wurde im Durchschnitt die Note 4,1 vergeben, danach die Note 2,0. Der Krankenstand ging zudem um 36 Prozent zurück und der Medikamentenverbrauch reduzierte sich auf allen umgestalteten Stationen insgesamt im Durchschnitt um 30 Prozent.

Buether wünscht sich, dass das Wissen um die Wirkung atmosphärischer Faktoren Eingang in die Architektur-Ausbildung findet. „Bisher spielt das leider noch keine Rolle. Angesichts der Studienergebnisse ist das allerdings fast schon fahrlässig.“


Profile:

Prof. Dr. Alawi Lütz ist Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Seit 2019 ist er zudem Professor an der Technischen Universität Berlin. Seine Forschung konzentriert sich auf die Verbesserung der Versorgung von kritisch kranken Patienten mit einer auf der Intensivstation erworbenen Hirnerkrankung.

Prof. Dr. Axel Buether ist Farbforscher und studierter Architekt. Er realisiert Projekte im Bereich Farbdesign und ist als Gutachter für städtebauliche, architektonische und künstlerische Fragen zu den „Wirkungen von Farben im Raum“ tätig. 2012 erfolgte der Ruf auf die Universitätsprofessur „Didaktik der visuellen Kommunikation“ im Fachbereich Design und Kunst an die Bergischen Universität Wuppertal, wo er aktuell in Lehre und Forschung tätig ist.

Dr. Gabriele Wöbker ist Chefärztin der Klinik für Intensivmedizin im Helios Universitätsklinikum Wuppertal. Sie ist Fachärztin für Anästhesie, Neurologie und Neurochirurgie sowie Hygienebeauftragte Ärztin und Transplantationsbeauftragte. Seit 2020 ist sie Mitglied der Lenkungsgruppe PEER Review bei IQM.

19.04.2021

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