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Der papierlose NHS ist in Sicht

Langsam, aber sicher: Der Weg zur digitalen Gesundheitsversorgung

Die digitale Revolution im britischen National Health Service (NHS) ist in vollem Gange. Der nächste Schritt, der anvisiert wird: das papierlose Krankenhaus.

Bericht: Mark Nicholls

NHS Digital, die innerhalb des NHS für die Digitalisierung zuständige Organisationseinheit, treibt das Projekt mit einer „radikal kühnen“ Vision eines Gesundheitssystems voran, „das die zentrale Rolle von Daten und Informationen entlang des kompletten Versorgungs- und Pflegepfads reflektiert.“ Keine ganz einfache Vision in einem NHS, der unter zunehmendem finanziellen Druck steht, die Leistungsnachfrage kaum noch bewältigen kann und mit einer alternden Bevölkerung, Mitarbeiterengpässen und Unsicherheiten angesichts des Brexit zu kämpfen ist.

Darüber hinaus verlagert sich die Pflege immer mehr in den Nicht-Krankenhausbereich, die Anzahl der Betten soll reduziert werden und insgesamt wird ein besser integriertes Gesundheitssystem angestrebt, in dem der Schwerpunkt verstärkt auf der Vorbeugung und der Personalisierung der Versorgung liegt. Digitale Technologien und die bessere Nutzung von Daten gelten als kritische Faktoren in den Bemühungen, alle diese Herausforderungen zu meistern, die Versorgung zu verbessern und die Menschen zu überzeugen, ihre eigene Gesundheit und Pflege anders zu managen. In diesem sich kontinuierlich verändernden Umfeld geschieht die Digitalisierung des NHS – und in der Tat soll diese Mammutaufgabe bis 2020 bewältigt sein.

Verbesserter Zugang

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Juliet Bauer, Chief Digital Officer, NHS England
Quelle: NHS

Die Strategie „Personalised Health and Care 2020“ des National Information Board bildet den nationalen Rahmen für Daten und Technologie zur Transformation der Patientenoutcomes, während gleichzeitig die Qualität gewahrt wird und die Kosten der Gesundheitsversorgung gesenkt werden. Dies wiederum erfolgt unter dem Dach des NHS Five Year Forward View, dem Gesamtplan sozusagen der britischen Gesundheitsversorgung. „Ziel der Teams von NHS England und NHS Digital ist es, digitale Leistungen zu erbringen, gemeinsam mit und integriert in die herkömmlichen Leistungen, damit die Menschen die Kontrolle über ihre Gesundheit übernehmen und wir den Zugang zum System verbessern können“, erklärt Juliet Bauer, Chief Digital Officer, NHS England.

In einigen Krankenhäusern ist die Digitalisierung bereits weit fortgeschritten, etwa dem Oxford University Hospitals NHS Foundation Trust, dessen erste voll digitale Station in Kürze eröffnet wird und das in zwei Jahren vollständig papierlos sein möchte. Andere dagegen hinken hinterher. NHS Digital sieht den Schlüssel zur Umwandlung in mehreren Bereichen: die bessere Nutzung von Gesundheits- und Versorgungsdaten sowie die Analyse, Nutzung und Bereitstellung von mehr Daten, Informationen und Erkenntnissen des Gesundheitswesens. Letztendlich sollen alle Bürgerinnen und Bürger in dem Maße auf Daten und technologische Leistungen zugreifen können, wie es erforderlich ist, damit sie ihre eigene Gesundheitsakte und zunehmend auch ihre eigene Gesundheit, Versorgung und ihr Wohlbefinden managen können. Die Mitarbeiter des Gesundheitssystems sollen im Gegenzug rechtzeitigen Zugriff auf Informationen, Daten, Analysen sowie auf Systeme haben, die die Entscheidungsfindung unterstützen, damit eine sichere und effektive Versorgung gewährleistet ist.

Die Strategie von NHS Digital ergänzt den Ansatz, den das National Information Board in seiner Agenda „Paperless 2020“ dargelegt hat. Laut Matthew Swindells, National Director (Operations and Information) von NHS England, hat sich die Strategie im Laufe der Zeit enger mit den Zielen des NHS Five Year Forward View und den NHS IT-Programmen verzahnt. Die Regierung hat 4,2 Mrd. GBP für IT bereitgestellt. Zu den neuen Infrastrukturprojekten gehören die Einrichtung eines sicheren Netzwerks zur Schutze der Patientendaten vor Fahrlässigkeit ebenso wie vor Cyber-Attacken, sowie eine Interoperabilitätsarchitektur, die Echtzeit-Zugriff auf die verlinkten klinischen Dateien und personalisierten Behandlungspläne gewährleistet.

Ein (zu) ehrgeiziger Zeitplan

Auch wenn es nicht für die komplette Umsetzung der Vision reicht, so reicht es doch für einen bedeutenden Schritt in die richtige Richtung

Matthew Swindells

Aber „wie das bei so etwas immer der Fall ist“, so Swindells, „wurden durch unvorhergesehene Ereignisse Mittel aus diesem Topf beansprucht, etwa dringenden Investitionen in Cyber-Sicherheit. In seinem im September 2016 veröffentlichten Bericht wies der US-amerikanische Klinker und Wissenschaftler Bob Wachter darauf hin, dass das bereitgestellte Geld nicht ausreichen werde, um die Vision eines papierlosen, integrierten NHS Realität werden zu lassen. Wir sind der Meinung, auch wenn es nicht für die komplette Umsetzung der Vision reicht, so reicht es doch für einen bedeutenden Schritt in die richtige Richtung.“ Auch andere Experten haben gewarnt, dass der Zeitplan für die vollständige Digitalisierung und die Verwirklichung des papierlosen NHS zu ehrgeizig sei. Laut einem Bericht des King’s Fund ist der Akut-Sektor am weitesten von den Zielen entfernt. In den Arztpraxen dagegen sind digitale Systeme flächendeckend eingeführt. So weist NHS Digital darauf hin, dass jeden Monat 680.000 Patienten online auf ihre Krankenakte bei ihrem Hausarzt zugreifen. 

Der Bericht betonte auch, dass die Patienten von den Vorteilen der Digitalisierung und von der Effektivität des Datenschutzes überzeugt werden müssen, damit die Akzeptanz des digitalen Zugangs maximiert wird. Gleichzeitig müssen sowohl Kliniker als auch die Mitarbeiter mit Patientenkontakt an der Konzeption und Einführung neuer Technologien beteiligt werden.Angesichts des finanziellen und des operative Drucks, so die Autoren des Berichts, erfordere die Umsetzung der digitalen Vision einen realistischeren Zeitplan. Vorgeschlagen wurde, in Anlehnung an Wachter, eine Verlängerung bis ins Jahr 2023. 

Ein weiteres Thema, das den NHS beschäftigt, ist künstliche Intelligenz (KI): Sie wird verstärkt zur Modernisierung der medizinischen Versorgung eingesetzt und zum ersten Mal haben die NHS-Organisationen die offizielle Erlaubnis, Patientendaten in der Cloud zu speichern. Im NHS erhofft man sich davon weniger Kosten und mehr Datensicherheit – und die Möglichkeit, dass die Mitarbeiter von jedem beliebigen Standort aus auf die Daten in der Cloud zugreifen können. Die Digitalisierung des NHS schreitet unaufhaltsam voran. Und auch wenn allen Beteiligten inzwischen klar ist, dass das Zieldatum 2020 nicht gehalten werden kann, so führen Innovationen und bahnbrechende IT-Projekte den NHS Schritt für Schritt in eine papierlose Zukunft.

16.04.2018

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