Ist der freie Wille eine Illusion?
Verfahren der Klinischen Neurophysiologie zeigen: Wir leben in der Vergangenheit
Das erste Tor der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM – ein Elfmeter. Stürmer Thomas Müller muss sich entscheiden: Auf welche Stelle im Tor zielt er? Er schießt und trifft. Müller hat also bewusst die richtige Entscheidung getroffen?
Nicht laut dem US-Neurophysiologen Benjamin Libet. Er fand heraus, dass die Bewegung durch Hirnaktivitäten schon längst eingeleitet wurde, bevor wir uns bewusst zu ihr entschließen. „Wir leben in der Vergangenheit“, so die treffende Beschreibung des US-Experten Professor Mark Hallett in seinem Vortrag auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN). Die Existenz des freien Willens ist für viele renommierte Hirnforscher heute jedoch unstrittig. Einen wichtigen Beitrag zur Klärung dieser grundlegenden Frage leisten vor allem moderne neurophysiologische und bildgebende Verfahren, erklärt ein DGKN-Experte in einer aktuellen Übersicht.
Die Arbeit Benjamin Libets hat bis heute eine heftige Debatte über den freien Willen des Menschen ausgelöst. Im berühmten Libet-Experiment führten Versuchspersonen einfache Handbewegungen durch. Dabei sollten sie auf die Uhr sehen und ihre Hirnaktivität wurde mit Elektroenzephalographie aufgezeichnet. Anschließend fragte er sie, wo der Uhrzeiger gestanden habe, als sie sich erstmals der Bewegungsintention bewusst geworden seien. „Das Ergebnis war verblüffend“, sagt DGKN-Experte Professor Dr. med. Ulf Ziemann vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung am Universitätsklinikum Tübingen: „Im Gehirn wurde die Bewegung bereits zu einem Zeitpunkt eingeleitet, zu dem die Probanden sich der Bewegungsabsicht noch gar nicht bewusst waren.“
Kritiker meldeten Zweifel an: Libet habe sich auf das subjektive Erinnerungsvermögen der Probanden verlassen. Außerdem reflektiere die Hirnaktivität nicht direkt eine Handlungsabsicht. „Neuere Untersuchungen mit funktioneller Kernspintomographie konnten diese Kritik entkräften“, erläutert Ziemann: „Mithilfe dieser neurophysiologischen Methode konnten die Forscher zeigen, dass Hirnaktivität bereits bis zu zehn Sekunden vor einer bewusst werdenden Entscheidung in Kontrollzentren des Gehirns wie den frontopolaren und parietalen Hirnarealen zu erkennen ist“, sagt der DGKN-Experte.
Diese Erkenntnisse beflügeln nicht nur die Diskussion über Zweifel am freien Willen des Menschen, sie könnten auch Patienten mit bestimmten Erkrankungen helfen. Als Beispiel nennt Ziemann Menschen mit Tics oder dem Alien-Limb-Syndrom, die Bewegungen aus neurologischen Gründen nicht willentlich steuern können. Auch die Schizophrenie führt er an: Einige Betroffenen führen Bewegungen zielgerichtet aus, haben aber den Eindruck, dass sie von außen gesteuert werden. Bei der Anosognosie wiederum glaubt jemand, eine Bewegung durchgeführt zu haben, was faktisch nicht der Fall war.
„Genau diese Krankheitsbilder, bei denen der freie Wille gestört zu sein scheint, sollten neue Forschungsprojekte untersuchen, um das menschliche Bewusstsein noch besser zu verstehen“, so Ziemann. Moderne Methoden der klinischen Neurophysiologie und der Bildgebung haben dazu bereits wichtige Erkenntnisse geliefert: „So wissen wir heute zum Beispiel, dass sich unser Gehirn ständig parallel mit unzähligen Prozessen beschäftigt, von denen nur wenige unser Bewusstsein je erreichen oder uns sehr spät, kurz vor oder sogar erst nach dem Zeitpunkt der Handlung bewusst werden,“ sagt Ziemann, der auch Mitglied im Vorstand der DGKN ist.
Die Existenz des freien Willens ist für den Neurophysiologen Ziemann indes unstrittig: „Einen freien Willen hätten wir nur dann nicht, wenn das Gehirn die Entscheidung trifft, und nicht wir.“ Das menschliche Bewusstsein bezieht sich dabei auf hirnphysiologische Vorgänge, die überwiegend in der Vergangenheit stattgefunden haben. „Wir hinken also der Zeit hinterher: Uns wird bewusst, was wir zuvor entschieden haben.“
09.07.2014