Infrastruktur II

Integration ist der Erfolgsfaktor

Viele Krankenhäuser erweitern ihre IT-Infrastruktur, denn der Trend zur mobilen Zusammenarbeit auf den Stationen nimmt zu. Doch kämpfen kleinere Einrichtungen schon jetzt mit zu hohen Investitionen und drohen aus dem Wettbewerb auszuscheiden. Im Rahmen der conhIT 2015 moderierte Roland Trill, Professor für Krankenhausmanagement und eHealth an der Fachhochschule Flensburg, eine Diskussion, die die Sicht der Klinikleitung auf zukünftige Aufgabenstellungen, Chancen und Anforderungen für die Klinik-IT ins Blickfeld rückte. Im Interview erläutert er außerdem, warum es an sektorübergreifenden Lösungen fehlt.

Interview: Melanie Günther

Prof. Dr. Roland Trill, Professor für Krankenhausmanagement und eHealth an der...
Prof. Dr. Roland Trill, Professor für Krankenhausmanagement und eHealth an der Fachhochschule Flensburg
Quelle: Fachhochschule Flensburg

Herr Prof. Trill, wie wichtig ist es, eine komplette IT-Infrastruktur in Krankenhäuser und Kliniken zu etablieren? Und wo gibt es noch Lücken?
Roland Trill: „Komplett“ steht für mich an dieser Stelle für integrativ. Das heißt, die wesentlichen Leistungs- und Kernprozesse eines Krankenhauses oder einer Klinik müssen unterschützt und integrativ in einem System erfasst werden. Das halte ich für den wesentlichen Erfolgsfaktor. Die deutsche Kliniklandschaft ist in dieser Hinsicht eher heterogen. Es gibt Kliniken, die sehr gut organisiert sind, und die zwischen 80 und 85 Prozent ihrer Aktivitäten mit einer IT-Infrastruktur unterstützen. Dann gibt es Einrichtungen, die im medizinischen und pflegerischen Bereich viel per Hand oder mit Markierungsbelegen arbeiten. Das betrifft vor allem kleinere Einrichtungen, die die entsprechenden Investitionen nicht stemmen können.

Viele Krankenhäuser stehen daher vor großen Herausforderungen: Um eine gute IT-Infrastruktur umzusetzen, braucht es ein flächendeckendes WLAN-Netz, genügend Accesspoints, leistungsstarke Router und viele weitere technische Gegebenheiten. Ein anderer Aspekt ist das Personal. In kleineren Einrichtungen betreut oft lediglich ein Mitarbeiter die EDV. In großen Häusern umfasst die IT-Abteilung acht bis dreizehn Mitarbeiter, seien es Ingenieure, Netzwerk-, Software- oder Datenbankspezialisten, die sich um die Abläufe kümmern. Neben den finanziellen Mitteln, glaube ich, dass Wissen und Erfahrung an dieser Stelle ein wichtiger Punkt sind.

Lücken gibt es aber auch bei den Kernprozessen: Ressourcen, die benötigt, aber nicht produktiv umgesetzt werden, sind hier zu nennen. wie  Doppelerfassungen von Dokumentationswerten auf Papierakten oder Entlassungsbriefe, die händisch durchsucht werden müssen, um den letzten Befund aus der Radiologie zu finden.  

Worin liegt für Sie der Vorteil der Informationstechnologie für Krankenhäuser und Kliniken?
Zum einen die Prozessoptimierung, die auch unter dem Aspekt des Qualitätswettbewerbs zu betrachten ist. Ich glaube, dass man durch eine gute IT-Infrastruktur einen Wettbewerbsvorteil schafft, weil man bei Problemen kurze Reaktionszeiten bei einzelnen Prozessen kreiert. Zum anderen ist Transparenz wichtig für Krankenhäuser, denn einerseits können interne Struktur- und Hierarchieprozesse sowie medizinische Daten dargestellt werden. Andererseits wird IT immer dann zum Wettbewerbsvorteil, wenn sie mit Costumer-Relationship verbunden wird.

Krankenhäuser und Kliniken sind bei der IT-Infrastruktur mit Herausforderungen und Problemen konfrontiert. Wie gehen sie damit um und gibt es sektorübergreifende Lösungen?
Zum Thema eHealth haben wir in Schleswig-Holstein gerade eine Umfrage in Zusammenarbeit mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) durchgeführt. Was sich daraus bis dato ergeben hat, ist, dass bei höchstens zehn Prozent der teilnehmenden Krankenhäuser das Thema eHealth überhaupt angekommen ist. Die EU hat Mitte 2014 ermittelt, dass bei der eHealth-Umsetzung Deutschland im europäischen Vergleich nur auf Platz 19 landet. Unser Ansatz war also zu schauen, „Wie sieht das in Schleswig-Holstein aus?“ Leider hat sich bestätigt, dass auf diesem Gebiet zu wenig unternommen wird, weil das deutsche Gesundheitssystem mit seiner starken Sektorierung den Gedanken einer IT-Infrastruktur nicht fördert. An dieser Stelle müssten meines Erachtens die Krankenkassen stärker in die Pflicht genommen werden, um sektorübergreifende Lösungen zu unterstützen. Denn der Nutzen der Technologien ist unbestreitbar. Sprechen wir über Patientenakten oder Telemedizin, haben wir allerdings ein Entwicklungsfeld ohnegleichen vor uns liegen, das faktisch nicht im vollen Umfang genutzt wird.

Welche Trends erwarten Sie zukünftig?
Das wird von der Sektorierung und dem Vergütungssystem abhängen. Für mich gibt es keinen Grund, warum Krankenhäuser eine Weiter- oder Nachversorgung von Patienten via Telemonitoring, Social Media oder Apps nicht machen sollten. Als Geschäftsmodell kann das funktionieren, wenn der gesetzliche Rahmen angepasst wird. Der Nutzen kann sicherlich nachgehalten werden, wenn man sauber evaluiert - sowohl ökonomisch als auch qualitativ. Einen Fortschritt wird es erst dann geben, wenn auf der einen Seite die Auswertung der vorhandenen Daten für die Entwicklung von Strategien erfolgt und auf der anderen die Öffnung von Krankenhäusern für die Behandlung von Patienten mit neuen Technologien.

 

PROFIL:
Prof. Dr. Roland Trill verfügt über 35 Jahre Erfahrung im Krankenhauswesen. Seit 1987 ist er bereits Professor am Institut für eHealth und Management im Gesundheitswesen an der Fachhochschule Flensburg. Seit 2007 ist er Studiengangsprecher des Master-Studiengangs „eHealth“. Er ist regelmäßig Referent bei nationalen und internationalen Tagungen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich eHealth-Anwendungen, Qualitätsmanagement und eLearning. Trill ist Leiter des Management Sekretariat des eHealth for Regions Networks und 1. Vorsitzender der Gesundheitsregion NORD. Gegenwärtig leitet er internationale eHealth-Projekte im Rahmen der EU-Strategie für die Ostseeregion.

17.04.2015

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