Kongress beleuchtet Stand der Dinge

Infektiologie – ein zentrales Fach

Der neue Facharzt für Infektiologie, Antibiotikaverordnungen und natürlich Covid-19 waren Themen auf dem 15. Kongresses für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (KIT 2021).

Bericht: Michael Krassnitzer

portrait of Gerd Fätkenheuer
Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer
Quelle: DGI

„Infektiologie ist ein zentrales medizinisches Fach, dessen Bedeutung jetzt in der Covid-19-Pandemie noch sichtbarer geworden ist“, bekräftigt Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer, Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) und Leiter der Infektiologie in der Klinik I für Innere Medizin am Universitätsklinikum Köln.

Klar, dass Covid-19 ein großes Thema beim KIT 2021 war – aber nicht nur. Andere Infektionskrankheiten existieren ja weiterhin, auch wenn das SARS-CoV-19 derzeit die Öffentlichkeit in ihren Bann zieht. Außerdem steht eine einschneidende standespolitische Veränderung bevor, nachdem auf dem jüngsten Deutschen Ärztetag der Beschluss gefasst wurde, einen Facharzt „Innere Medizin und Infektiologie“ einzuführen. Bislang bestand die Spezialisierung in der Infektiologie lediglich aus einer einjährigen Zusatzweiterbildung. „Infektiologie ist ein komplexes Fach: auf der einen Seite den kranken Menschen, auf der anderen ein riesiges Spektrum von Erregern. In beiden Bereichen muss man sich auskennen, um schwerkranke Infektionspatienten zu behandeln“, begründet Fätkenheuer die Notwendigkeit der Aufwertung zum Facharzt.

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Die in der Vergangenheit seitens anderer Fächer geäußerten Befürchtungen, künftig werde bei jedem vergleichsweise banalen Infekt ein Facharzt für Infektiologie herangezogen, wischt der Kölner Infektiologe beiseite: „Aufgabe des Facharztes wird es nicht sein, jeden Patienten mit einer Pneumonie oder einer Harnwegsinfektion zu behandeln.“ Vielmehr würden die neuen Fachärzte in Schwerpunktkrankenhäusern bzw. Krankenhäusern mit Maximalversorgung zum Einsatz kommen. 

Die Zusatzweiterbildung, die sich gerade in den letzten Jahren eines wachsenden Zustroms erfreute, wird weiterbestehen und darüber hinaus für alle klinischen Fachbereiche geöffnet, so dass sie insbesondere auch von Mikrobiologen und Hygienikern absolviert werden kann. „Im Prinzip kann die Neuregelung ab Herbst in den einzelnen Landesärztekammern umgesetzt werden“, erläutert Fätkenheuer die zeitliche Perspektive.

portrait of Johannes Hübner
Prof. Dr. Johannes Hübner
Quelle: LMU München

Der Umgang mit Antibiotika angesichts der Gefahr von Antibiotikaresistenzen ist ein Dauerbrenner in der Infektionsmedizin. „Die Covid-19-Pandemie hat dazu geführt, dass noch mehr Antibiotika noch unkritischer eingesetzt werden“, beklagt Prof. Dr. Johannes Hübner, Beauftragter für Antibiotic Stewardship der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), Leiter der Pädiatrischen Infektiologie, Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital, LMU München (Der KIT 2021 ist zugleich auch die 28. Jahrestagung der DGPI).

Die Problematik, zumal in der Pädiatrie, liegt auf der Hand: Infektionen sind der häufigste Grund für einen Besuch beim Kinderarzt. Viele Ärzte verschreiben bei banalen Atemwegsinfekten Antibiotika, auch wenn es sich dabei um Krankheiten handelt, die von Viren verursacht werden. Antibiotika helfen jedoch nur gegen Bakterien, bei Viren sind sie wirkungslos. Zwar ist die Verordnung von Antibiotika seit 2010 zurückgegangen, aber aus Sicht der Experten noch immer zu hoch. „Laut einem Bericht der Bertelsmann-Stiftung bekommen zirka 50 Prozent der Kinder einmal pro Jahr ein Antibiotikum verordnet; das ist deutlich häufiger als bei Erwachsenen“, erklärt Hübner. Die wichtigsten Gründe für die zu häufige Verordnung von Antibiotika liegen zum einen in der Erwartungshaltung der Eltern und zum anderen in der diagnostischen Unsicherheit. Weil zwischen Blutabnahme und Laborergebnis in der Regel zwei Tage vergehen, werden zur Sicherheit Antibiotika verschrieben. 

„Die besten Gegenstrategien sind Weiterbildungsmaßnahmen und leicht verfügbare Leitlinien“, betont der Infektiologe und verweist auf die S2k-Leitlinie „Antibiotic Stewardship – Konzeption und Umsetzung in der stationären Kinder- und Jugendmedizin“. In den Fortbildungsveranstaltungen wird den teilnehmenden Medizinern geraten, die Strategie der verzögerten Verordnung zu verfolgen: Man händigt den Eltern ein Rezept für ein Antibiotikum aus, sagt ihnen aber, dieses nur dann einzulösen, wenn sich der Zustand des Kindes nicht bessert. „Studien haben gezeigt, dass man auf diese Weise die Zahl der Antibiotika-Verordnungen reduzieren kann“, unterstreicht Hübner. Um der genannten diagnostischen Unsicherheit entgegen zu wirken, hofft der Infektiologe auf den vermehrten Einsatz von Point-of-care-Diagnostik, wobei er einräumt, dass Schnelltests oft nur über eine bedingte Aussagekraft verfügen. 

portrait of  Jörg Janne Vehreschild
Prof. Dr. Jörg Janne Vehreschild
Quelle: Universitätsklinikum Köln

Wie auch in anderen Fächern hat sich die Covid-19-Pandemie als Booster für die Digitalisierung erwiesen. „Das reicht von Videokonferenzen, schnellem Informationsaustausch bis hin zu zentralen Kommunikationsplattformen“, erklärt Prof. Dr. Jörg Janne Vehreschild, Kongresspräsident des KIT 2021, Oberarzt KMT-Ambulanz der Medizinischen Klinik II am Universitätsklinikum Frankfurt und Leiter der AG Kohorten in der Infektionsforschung am Universitätsklinikum Köln. Er verweist in diesem Zusammenhang auf das Nationale Pandemie Kohorten Netz (NAPKON) des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM), das als Antwort auf die Covid-19-Pandemie etabliert wurde, und auf das LEOSS-Register, ein auf Initiative der DGI gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) aufgelegtes europäisches Fallregister, in dem klinische Daten für Patienten mit SARS-Cov-2-Infektionen gesammelt werden. 

Auch ein anderes „Herzensprojekt“ (Vehreschild), das allerdings nichts mit Covid-19 zu tun hat, wurde während des KIT 2021 freigeschaltet: die freie Wissensplattform Infektiopedia, die es Ärzten erheblich einfacher machen soll, informierte und evidenzbasierte Entscheidungen betreffend die Therapie von infektiösen Erkrankungen ihrer Patienten zu treffen.

31.07.2021

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