Antikoagulanz

Gift der Tempelotter als neuer Joker gegen Verklumpung

Eine Substanz aus dem Gift der Tempelotter könnte bei Durchblutungsstörungen, Herzinfarkten und Schlaganfällen statt Thrombozytenaggregationshemmern eingesetzt werden. Die Besonderheit: Es gelingt, ohne zu verstärkter Blutungsneigung zu führen.

Wie die Amerikanischen Lanzenottern (Bild) verfügt auch die Tempelotter über...
Wie die Amerikanischen Lanzenottern (Bild) verfügt auch die Tempelotter über ein wirksames Gift. Forscher der National Taiwan University in Taipei untersuchen nun, wie diese Substanz bei der Entklumpung von Blut helfen kann.
Quelle: Greg Hume via Wikipedia

So genannte Thrombozytenaggregationshemmer sorgen dafür, dass die Thrombozyten nicht verklumpen und verhindern so die Entstehung von Thromben. Sie werden neben Medikamenten zur Hemmung der Blutgerinnung (Antikoagulantien) eingesetzt, um Thrombosen oder Embolien zu verhindern. Thrombozytenaggregationshemmer werden vor allem zur Vorbeugung und Behandlung von Herzinfarkten, Schlaganfällen und bei anderen Durchblutungsstörungen verordnet. Eine schwerwiegende Nebenwirkung ist jedoch, dass bei Verletzungen verstärkte und lang anhaltende Blutungen auftreten. Ein Forscherteam um Tur-Fu Huang von der National Taiwan University in Taipei hat nun eine neue Substanz auf der Basis von Schlangengift entwickelt. Sie verhindert das Verklumpen der Blutplättchen, ohne dass es dabei zu verlängerten Blutungen kommt. Die Ergebnisse publizierten die Forscher jetzt in der Fachzeitschrift „Arteriosclerosis, Thrombosis and Vascular Biology“.

Bereits in früheren Studien hatten die Wissenschaftler entdeckt, dass ein Protein namens Trowaglerix, das aus dem Gift der Waglers Lanzenotter (Tropidolaemus waglerix) stammt, Blutplättchen dazu stimuliert, sich zu Blutgerinnseln zu verklumpen. Dabei klinkt sich das Schlangen-Protein bei einem Protein namens Glykoprotein VI (GPVI) ein, das sich auf der Oberfläche der Blutplättchen befindet. In den bisherigen Untersuchungen konnten Huang und sein Team auch zeigen, dass Blutplättchen, denen GPVI fehlt, keine Blutgerinnsel bilden und gleichzeitig auch nicht zu starken Blutungen führen. Daraus leiteten die Forscher die Annahme ab, dass die Blockierung von GPVI die Bildung von Blutgerinnseln verhindern könnte, ohne dabei zu verlängerten Blutungen zu führen.

Substanz könnte Grundlage für neue Medikamente sein

In ihrer aktuellen Studie entwickelten Huang und sein Team auf der Basis von Trowaglerix ein abgewandeltes Molekül, das die Aktivität von GPVI blockiert und so die Verklumpung der Blutplättchen hemmen kann. Wurde das neue Molekül mit Blut vermischt, kam es tatsächlich nicht zur Verklumpung der Blutplättchen. Weiterhin zeigte sich in Versuchen mit Mäusen, dass die neue Substanz die Bildung von Blutgerinnseln verlangsamte und die behandelten Mäuse keine längeren Blutungen hatten als unbehandelte Mäuse.

„Einige der bisher verfügbaren Thrombozyten-Aggregationshemmer wirken auf ein anderes Protein, das so genannte Glykoprotein IIb bzw. IIIa“, berichtet Huang. „Diese Medikamente basieren auf einem anderen Protein, das sich in Schlangengift findet. Warum diese Wirkstoffe zur verstärkten Blutungen führen, ist bisher jedoch nicht vollständig bekannt.“ Die Ergebnisse der aktuellen Studie legen nahe, dass das neue Molekül die Grundlage für die Entwicklung neuer, sichererer Wirkstoffe sein könnte, bei denen keine erhöhte Blutungsneigung auftritt. Allerdings muss die Substanz nun in weiteren Versuchen an Tieren und anschließend am Menschen getestet werden.

Verbesserung des Wirkstoffs und Tests am Menschen notwendig

„Die Art von Molekül, die wir entwickelt haben, bleibt normalerweise nicht sehr lange im Körper. Deshalb müssen vermutlich weitere Techniken entwickelt werden, die dafür sorgen, dass die Substanz länger im menschlichen Körper verbleibt. Dies könnte zum Beispiel eine spezielle Rezeptur sein, oder ein System, durch das das Molekül gezielt zugeführt wird“, erläutert Jane Tseng, eine der Koautorinnen der Studie.

„Damit keine unerwünschten Wirkungen auftreten, muss außerdem sichergestellt werden, dass das Molekül nur mit GPVI interagiert, jedoch nicht mit anderen Proteinen.“ Die Forscher wollen nun weitere Studien durchführen, um das Design des Moleküls weiter zu verbessern und seine Wirksamkeit und Sicherheit auch beim Menschen zu überprüfen. „Schlangengift enthält viele einzigartige Bestandteile, die sich auf die Wechselwirkung zwischen den Zellen und dem Bindegewebe zwischen den Zellen, der so genannten extrazellulären Matrix auswirken“, erläutert Tur-Fu Huang.

Die Forschergruppe untersucht bereits seit den 1970er Jahren die Wirkungen von Schlangengift, unter anderem auf die Blutgerinnung, das Wachstum von Blutgefäßen (Angiogenese) und die Metastasenbildung bei Tumoren. Mit ihren Experimenten hoffen die Forscher, aus den Bestandteilen des Schlangengifts beispielsweise auch neue Wirkstoffe gegen die Bildung von Metastasen zu entwickeln. Das Gift von Waglers Lanzenotter wirkt in erster Linie, indem es die Mechanismen der Blutgerinnung stört und so zu Thrombosen und Embolien führt. Darüber hinaus kommt es zu Schädigungen und schließlich zum Absterben von Gewebe, vor allem Muskelgewebe. Waglers Lanzenotter ist in Südostasien weit verbreitet und gehört zur Familie der Vipern. Während sie tagsüber meist unbeweglich auf Ästen nahe von Gewässern liegt, ist sie in der Dämmerung und in der Nacht aktiv.

 

Quelle: DocCheck/Dr. Christine Amrhein

29.06.2017

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