Eine Krankheit, nicht von gestern

„Bakterien rüsten auf“ oder „In Deutschland noch immer nicht gebannt“ titelten große Tageszeitungen wie FAZ und Süddeutsche anlässlich des diesjährigen Welt-Tuberkulose-Tags, der traditionsgemäß am 24. März begangen wird – an jenem Tag, an dem Robert Koch im Jahr 1882 die Entdeckung des Tuberkulose (TB) verursachenden Bakteriums verkündete.

Dr. Barbara Hauer
Dr. Barbara Hauer

Tatsächlich ist das Mycobacterium tuberculosis auch nach über 100 Jahren nicht besiegt. Dabei betrifft die Gefahr nicht nur Entwicklungs-oder Schwellenländer, ondern auch die Industrienationen. Bereits das vierte Jahr in Folge gehen die TBFallzahlen in Deutschland kaum noch zurück, der Anteil an Erkrankungen durch multiresistente Erreger stieg sogar von 1,7 Prozent (Mittel über 2007 bis 2011) auf 2,3 Prozent (2012) an. Das dokumentiert der aktuellste Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Epidemiologie der Tuberkulose. Insgesamt wurden 4.220 Neuerkrankungen gemeldet. Dr. Barbara Hauer vom Fachgebiet „Respiratorisch übertragbare Erkrankungen“ der Abteilung für Infektionsepidemiologie des RKI nennt zwei Hauptursachen dafür, dass die Tuberkulose weltweit immer noch zu den wichtigsten Infektionskrankheiten gehört: „Ab den 1990ern hat die HIV-Epidemie die Tuberkulose wieder angefacht. Beide Krankheiten beeinflussen sich negativ. Ein weiteres Problem stellen die multiresistenten Bakterienstämme dar, bei denen die beiden wirksamsten Antituberkulotika versagen. Im Fall einer extensiv resistenten Tuberkulose, bei der zusätzlich auch bestimmte sogenannte Zweitrangmedikamente nicht mehr wirken, wird die Behandlung sehr schwierig – eine große Herausforderung gerade für Länder, in denen es nur einen eingeschränkten oder gar keinen Zugang zu noch wirksamen Zweitrangmedikamenten gibt.“

Erst Anfang März hat der neuartige Wirkstoff Bedaquilin die EU-Zulassung erhalten, zwei weitere Substanzen stehen kurz vor der Markteinführung. Alle drei können als Teil von Kombinationstherapien multiresistente TB-Bakterien abtöten. Noch sind die Erfahrungswerte mit den Präparaten jedoch gering.

Die Entstehung multiresistenter Keime wird vor allem durch unzureichende oder inadäquate Antibiotikabehandlung begünstigt, erklärt die Expertin: „Allein die medikamentensensible TB muss mindestens sechs Monate behandelt werden, multiresistente Tuberkulosen 20 Monate und länger. Neben der korrekten Verordnung einer resistenzgerechten Therapie ist auch die Patientenmitarbeit wichtig. Häufig fühlen sich die Patienten aber bereits nach wenigen Wochen besser und manche hören auf, die Tabletten einzunehmen, obwohl die Infektionserreger noch nicht alle abgetötet sind. Die Patienten zum Durchhalten zu motivieren, stellt deshalb eine der größten Herausforderungen bei der Bekämpfung der TB dar.“

Antibiotikaresistenzen finden sich besonders häufig bei Patienten aus Osteuropa und den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Die weltweite Entwicklung der Tuberkulosesituation hat auch Auswirkungen auf westliche Industrienationen, denn infolge der Globalisierung rückt die Welt immer näher zusammen. So ist etwa die Hälfte der TB-Patienten in Deutschland im Ausland geboren. Da jeder zweite Tuberkulosepatient in Deutschland geboren ist, muss die Tuberkulose differenzialdiagnostisch aber grundsätzlich immer mit berücksichtigt werden. Weitere Bevölkerungsgruppen mit einem erhöhten Risiko sind Wohnungslose, Drogenabhängige, sozial benachteiligte Menschen und Immungeschwächte, auch Diabetes spielt weltweit eine zunehmende Rolle.

„Ärzte müssen die epidemiologischen Hintergründe sowie Risikofaktoren für die Krankheit kennen und die Patienten gezielt danach fragen“, betont Dr. Hauer, „denn nur durch schnelles Erkennen und Handeln wird die Infektionskette unterbrochen.“

30.05.2014

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