Prostata pathologisch

„Eine Biopsie ohne Bildgebung ist wie Schiffe versenken“

Die Pathologie ist bei der Prostatadiagnostik der Goldstandard. Denn was der Radiologe anhand von Schatten und Grauwerten im Bild interpretiert, hat der Pathologe als vollendete Tatsache unter seinem Mikroskop liegen. Warum eine bildgestützte Biopsie jedoch auch nach Meinung des Pathologen Sinn machen würde und weshalb Prognosen beim Prostatakarzinom eine gesonderte Rolle spielen, darüber berichtet Prof. Dr. Glen Kristiansen, Direktor am Institut für Pathologie am Universitätsklinikum Bonn.

Report: Karoline Laarmann

Prof. Dr. Glen Kristiansen
Prof. Dr. Glen Kristiansen
Quelle: Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Glen Kristiansen.

Kein Pathologe hat in Deutschland so viele wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Prostatakarzinom veröffentlicht wie Glen Kristiansen. Eine qualifizierte Spezialisierung auf einen Organbereich, wie sie etwa in den USA üblich ist, hält er für sinnvoll, jedoch in Deutschland für nicht realisierbar: „Wir erleben in der Pathologie einen zunehmenden Fachkräftemangel. Wenn wir uns anschauen, wie viele Pathologen in Deutschland pro Einwohner kommen, belegen wir in Europa statistisch den drittletzten Platz, vor der Türkei und Polen. Die Situation wird sich in den nächsten Jahren sogar noch zuspitzen, weil wir zeitgleich eine Überalterung, ein Nachwuchsproblem und zu allem Überfluss noch die Bedarfsplanung in unserem Beruf haben.“

Fortschritte im Bereich der Bildgebung begrüßt Prof. Kristiansen deshalb vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass diese Entwicklungen auch zu Arbeitsentlastungen in der Pathologie führen. So befürwortet er beispielsweise die Forderung nach einer bildgestützten Prostata-Biopsie: „Bei jedem zweiten Fall, den wir als Pathologen begutachten, ist die Gewebeprobe negativ. Wir wissen dabei natürlich nie, ob der Patient wirklich tumorfrei ist oder blind daneben gestochen wurde. Das ist wie Schiffe versenken.“

Eine wichtige Neuerung aus pathologischer Sicht hat die Internationale Gesellschaft für Uropathologie im November 2014 eingeführt. Der Gleason-Score, der Auskunft über das Wachstumsmuster und damit über die Aggressivität des Prostatakarzinoms gibt, wurde in fünf prognostische Gruppen zusammengefasst. Prof. Kristiansen erklärt, warum dies so wichtig ist: „Die meisten Patienten mit einem Prostatakarzinom sind bereits im fortgeschrittenen Alter. Gleichzeitig wächst dieser Krebs sehr langsam. Die Frage ist also: Wird dieser Patient überhaupt noch lang genug leben, um vom therapeutischen Nutzen zu profitieren oder nicht?“ Die Gruppeneinteilung hilft also dabei, die Patienten vorausschauend zu beraten.

In den letzten Jahrzehnten haben sich in der Prostatatherapie schon mehrere Paradigmenwechsel vollzogen, so der Bonner Pathologe: „In den 1980ern betrachtete man das Prostatakarzinom noch als eine Art Alterswarze des Mannes. Hier lautete die Devise: Man stirbt mit einem Prostatakarzinom, aber nicht an einem Prostatakarzinom. Deshalb wurde auch meistens nicht behandelt. Die Datenlage hat jedoch gezeigt, dass es sehr wohl Patienten gibt, die an dieser Krebserkrankung versterben. Daraufhin schlug das Pendel in die andere Richtung und man versuchte, möglichst viele Karzinome zu finden und zu behandeln.“

Zwar können Operation und Bestrahlung kurative Ansätze sein, sie sind jedoch nicht risiko- oder nebenwirkungsfrei. So kann z.B. eine Prostatektomie zu Inkontinenz und Potenzproblemen führen und damit die Lebensqualität des Patienten stark einschränken. Der hohe prognostische Wert des Gleason-Scores hat ihn zu einem wichtigen Parameter bei der Therapieplanung gemacht, aber das Problem der Tumorheterogeneität bleibt – trotz multipler blinder Biopsien – bestehen. Denn die Aggressivität des Karzinoms kann in den verschiedenen Arealen sehr unterschiedlich ausfallen. Auch in diesem Zusammenhang betont der Pathologe noch einmal: „Wenn wir eine bildgestützte Prostata-Biopsie hätten, dann könnten wir bessere prätherapeutische Fallkonferenzen einrichten, wo sowohl Radiologen ihre Bildinformationen miteinfließen lassen als auch Pathologen ihre diagnostischen Erkenntnisse aus den Gewebeanalysen. Davon profitieren beide Fächer, aber vor allem der Patient.“


Veranstaltungshinweis
Raum Donner
Mi, 13.05., 13:45 - 13:55 Uhr
Prostata Radiologie
Kristiansen G / Bonn
Refresherkurs: Pathologie und Radiologie im Dialog


PROFIL
Prof. Dr. Glen Kristiansen ist seit Mai 2011 am Universitätsklinikum Bonn als Direktor des Instituts für Pathologie tätig. Zuvor war er vier Jahre lang Professor für molekulare Tumorpathologie und Leitender Arzt an der Pathologie der Universität Zürich. Zudem ist der Pathologe auch Vorstandsmitglied und Europarepräsentant der Internationalen Gesellschaft für Uropathologie (ISUP) und des Steuerungsboards des Europäischen Netzwerkes für Uropathologie (ENUP), Mitglied des WHO-Expertenpanels für Uropathologie sowie zahlreicher nationaler und internationaler Pathologie- und Krebsforschungsfachgesellschaften.

13.05.2015

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