Krankenkassen

„Big Data“ - Chancen nutzen und Risiken managen

Die Menge der weltweit kursierenden Daten steigt stetig an, auch im Gesundheitswesen. Gesundheitsdaten werden immer häufiger über soziale Netzwerke oder Apps gesammelt. Die Möglichkeiten wachsen, solche Daten schnell und effektiv auszuwerten und mit anderen Daten zu verknüpfen. Folglich arbeiten immer mehr Ärzte, Forscher und Firmen mit „Big Data“. Doch welche Folgen hat das für Krankenkassen?

Karen Walkenhorst ist Leiterin des Bereiches Versorgungsinnovation.
Karen Walkenhorst ist Leiterin des Bereiches Versorgungsinnovation.

 „Bei den Krankenkassen liegen aufgrund der aufgrund der Abrechnungsdaten eine ganze Menge Daten vor, die auch Auskünfte über Gesundheitsparameter geben. Das ist für eine Krankenkasse nichts Neues. Aber diese Daten dürfen und wollen wir nicht für 'allumfassende Big Data Analysen' verwenden. Diese Daten sind hoch schutzwürdig und die Nutzungsmöglichkeiten sind gesetzlich geregelt. Wir arbeiten derzeit an einer eHealth-Strategie. Ziel ist es, unseren Versicherten Angebote zu machen, damit sie ihr Gesundheitsverhalten optimieren können Durchdiese neuen Anwendungen entstehen weitere Datenmengen. Aber auch hier ist der Versicherte Herr seiner Daten und wir haben keinen Zugriff darauf. Alles zielt darauf ab, dass der Anwender seine Daten nutzt, um seine Gesundheit zu fördern..“, sagt Dr. Frank Verheyen, Direktor des Wissenschaftliche Institut der Techniker Krankenkasse für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen.

Big Data wird in der Medizin immer wichtiger. Insbesondere in Diagnostik und Therapie ist der Einsatz von Medizintechnik verbreitet, deren Anwendungen in Bildgebung oder Labor eine wahre Flut an digitalen Aufzeichnungen hinterlassen. Auch Krankenkassen müssen als Kostenträger des Gesundheitssektors Lösungen finden, um mit dieser steigenden Datenmenge sinnvoll umzugehen. Dabei kommt es sowohl auf die effiziente und effektive Speicherung der Daten als auch auf eine möglichst schnelle Datenanalyse an. Denn bei Big Data geht es nicht nur um das Volumen an Daten, sondern auch um deren Heterogenität und deren Nutzbarkeit. Durch eine sinnvolle und sachgerechte  Datennutzung von medizinischen Prozessen können Verbesserungsmöglichkeiten für Kostenträger und Versicherte identifiziert werden. Darauf aufbauend können Maßnahmen entwickelt werden, die die Effizienz steigern. Aber ebenso muss man die Risiken der Datennutzung diskutieren und managen. Nur so lassen sich die Chancen realisieren „Dabei spielen die technischen Ressourcen eine Rolle, um aus diesen großen Datenkonvoluten Analysen zu ziehen und Mehrwerte zu generieren  – sei es im Bereich der kommerziellen Nutzung, aber auch bei eHealth- oder mHealth-Anwendungen “, erklärt Verheyen.

Ein weiteres Einsatzgebiet für die digitale Vernetzung bei Krankenkassen ist die Kundenkommunikation. Über den Postweg oder durch klassische Medien erreicht man nicht gezielt die Kunden, für die besondere Produkte, wie z. B. Versorgungsangebote für Chroniker. Daher gilt es für Krankenkassen, neue Kommunikationskanäle aufzubauen, um mit ihren Kunden zu kommunizieren. Social Media und Apps sind ein Weg, um sie beispielsweise in die Gestaltung von Versorgungsprogrammen einzubinden. Das weiß Karen Walkenhorst, Leiterin des Bereiches Versorgungsinnovation der Techniker Krankenkasse, nur zu gut. „Wir sehen, dass Versicherte ihre Fitnessdaten und Ernährungsdaten mit Apps sammeln. Das ist aktuell ein großer Hype. Es ist für uns eine Herausforderung, die Kunden dabei zu begleiten, wie sie mit der individuellen Nutzung der Daten umgehen. Unsere Zielsetzung ist, ihnen eine sichere Plattform anzubieten, die ihnen einen Mehrwert liefert.“ Der Gedanke, die von den Kunden aufgezeichneten Daten zu nutzen, liegt also nahe. Doch Verheyen stellt eindeutig klar: „Es darf nicht darum gehen, die Daten zur Einteilung in Risikoklassen mit entsprechender Tarifstruktur zu nutzen. Dies würde unseres solidarischen Gesundheitssystems zerstören.“

Ein weiterer Trend ist die Dezentralisierung der medizinischen Behandlung. Denn immer häufiger legt der Patient dem Arzt sein Smartphone vor und sagt: „Ich habe meinen Blutdruck und meinen Puls gemessen. Was sagen Sie dazu?“. Doch für das Sammeln und Zusammenführen großer Mengenpersönlicher Daten bedarf es einer sicheren Möglichkeit der Datenübertragung, wie sie mit der Elektronischen Gesundheitskarte (EGK) vorgesehen ist. Walkenhorst hat dazu eine deutliche Meinung: „Es ist kein Aushängeschild für uns in Deutschland, dass wir die Einführung der EGK nicht richtig voranbringen. Gerade in Hinblick auf den sicheren Umgang mit Daten wäre die Karte ein Mittel, um hochsensible Daten unter höchsten Sicherheitsbedingungen nutzbar zu machen.“


PROFILE:
Karen Walkenhorst ist seit 2001 für die Techniker Krankenkasse tätig. Die Diplom Sozial-Wissenschaftlerin startete ihre Berufslaufbahn beim Verband der Angestellten Krankenkassen (VdAK/AEV) in Hamburg und war für ein Jahr ins Bundesgesundheitsministerium abgeordnet. Heute ist sie Leiterin des Bereiches Versorgungsinnovation, zuständig für die Fachbereiche Ambulante Versorgung, Versorgungsmanagement und Arzneimittel mit den Schwerpunkten Ärzte, Zahnärzte, innovative Versorgungsprojekte, Modellvorhaben, Integrierte Versorgung, Patienteninformation und –steuerung, Apothekenkooperationen, Rabattverträge und Arzneimittel in der integrierten Versorgung.

Dr. Frank Verheyen leitet seit Januar 2009 das Wissenschaftliche Institut der Techniker Krankenkasse für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen. Nach dem Studium der Pharmazie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster promovierte er an der Humboldt Universität Berlin im Fachgebiet Pharmakoepidemiologie/Sozialpharmazie. Zudem absolvierte er das Kontaktstudium Gesundheitsökonomie an der European Business School, Oestrich-Winkel. Nach mehrjähriger Tätigkeit in der öffentlichen Apotheke, wechselte er 1997 ins Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis der ABDA. 2001 wurde er persönlicher Referent des Vorsitzenden des Vorstandes der TK und übernahm dort nachfolgend weitere Positionen, z.B. als Projektleiter “Disease-Management Programme“ und als Leiter des Fachreferats Arzneimittel.

16.11.2015

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