Auf der Jahrestagung der ÖGARI sprachen (von links) Univ. Prof. Dr. Sonja...
Auf der Jahrestagung der ÖGARI sprachen (von links) Univ. Prof. Dr. Sonja Fruhwald, ÖGARI-Präsident Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc, Prim. Priv.-Doz. Dr. Achim von Goedecke, MSc, und Prim. Priv-Doz. Dr. Michael Zink über aktuelle Entwicklungen der Anästhesiologie.
© B&K - Nicholas Bettschart

Aufgeweckt

Anästhesie: eine Erfolgsgeschichte

Technische Innovationen und die Etablierung von Qualitätsstandards in der Anästhesie haben zu enormen Fortschritten bei der Patientensicherheit geführt.

Bericht: Michael Krassnitzer

„Die Patientensicherheit hat sich in der Anästhesie in den vergangenen rund 60 Jahren enorm verbessert wie in kaum in einem anderen Fach der Medizin“, bekräftigt Prim. Priv.-Doz. Dr. Achim von Goedecke, MSc, Leiter des Instituts für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Landeskrankenhaus Steyr in Oberösterreich. Demnach spielt die Anästhesiologie eine Schlüsselrolle bei der Senkung der perioperativen Sterblichkeit und bei der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Patientensicherheit: Heute ist in Industrieländern mit einer perioperativen Komplikationsrate von drei bis 16 Prozent zu rechnen, in 0,4 bis 2,0 Prozent aller Fälle kommt es zu bleibenden Schäden bzw. zu Todesfällen, wie von Goedecke anlässlich der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) in Wien erklärte.

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Prim. Priv.-Doz. Dr. Achim von Goedecke, MSc, ist Leiter des Instituts für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Landeskrankenhaus Steyr in Oberösterreich.
Quelle: © gespag

„Auch wenn jeder einzelne Zwischenfall einer zu viel ist, spiegeln die genannten Zahlen doch eine beachtliche Erfolgsgeschichte wider“, zeigt ÖGARI-Vorstandsmitglied von Goedecke die positive Entwicklung auf. Noch in den frühen 1940er-Jahren wurde die anästhesieassoziierte Mortalität auf 100 pro 100.000 Fälle geschätzt, in den 1960er-Jahren lag sie mit 80 von 100.000 immer noch sehr hoch. In den 1970er- und frühen 1980er-Jahren gingen die Todesfälle auf zehn bis 30 von 100.000 Fällen dramatisch zurück – die Rate war damit aber immer noch 25 bis 75 Mal höher als heute. „Seit Ende der 1980er-Jahre und der Einführung weiterer Sicherheitsstandards und einer verbesserten Ausbildung schließlich beträgt sie nur noch 0,4 von 100.000“, bilanziert von Goedecke.

2010 wurde vom European Board of Anaesthesiology (EBA) gemeinsam mit der European Society of Anaesthesiology (ESA) die Helsinki Deklaration zur Patientensicherheit publiziert und eine eigene Task Force gegründet, die mit einer Reihe von Maßnahmen für die Etablierung der darin festgelegten Standards gesorgt hat. Seit 2013 existiert auch eine Europäische Plattform, auf der Sicherheitswarnungen und Empfehlungen aus Europäischen „Incident Reporting“ Systemen gesammelt und zur Verfügung gestellt werden.

Die Standards für Sicherheit und Qualität in der Anästhesiologie sowie die Handlungsempfehlungen zur Beherrschung von kritischen klinischen Situationen sind nur die eine Seite der Medaille. Die dramatische Senkung der Sterblichkeit und die enormen Fortschritte bei der Patientensicherheit sind auch medizintechnischen Neuerungen zu verdanken: 

  • Pulsoximetrie. Die kontinuierliche, nichtinvasive Messung der Sauerstoffsättigung des Hämoglobins ist ein Parameter für die respiratorische Funktion, aber auch für das Herz-Kreislauf-System, denn zugleich wird auch die periphere Pulswelle angezeigt.
  • Die endexpiratorische CO2-Messung (Kapnometer und -grafie) ist ein Gasaustausch-Parameter, der Auskunft gibt über die Lungen- und Kreislauffunktion sowie die korrekte Lage des Beatmungstubus.
  • Neuromuskuläres Monitoring. Die intraoperitive Überwachung der Relaxierung zeigt an, inwieweit die quergestreifte Muskulatur reversibel lahmgelegt ist, was für die Einführung des Beatmungstubus und bei bestimmten Operationen (z.B. laparoskopische abdominelle Operationen) erforderlich ist.
  • Das invasive hämodynamische Monitoring ermöglicht u. a. die intraarterielle Druckmessung und – darüber abgeleitet – anderer wichtiger Parameter zur Herz-Kreislauffunktion des Patienten.

„Diese Neuerungen der vergangenen Jahrzehnte haben sicherlich viele Leben gerettet und deutlich zur Patientensicherheit beigetragen“, betont von Goedecke.

Heute gelangen immer schwierigere, komplexere Patienten auf den OP-Tisch, die früher gar nicht operiert worden wären, weil unter anderem technisch eben immer mehr möglich ist

Achim von Goedecke

Trotzdem zeigen die Statistiken der letzten Jahre wieder einen leichten Anstieg bei der anästhesiespezifischen und generell der perioperativen Mortalität. „Der Grund liegt nicht etwa darin, dass sich die Sicherheitsstandards verschlechtert hätten, sondern dass wir heute zunehmend immer ältere und immer kränkere Patienten anästhesieren und operieren“, erklärt der Anästhesist. In Deutschland zum Beispiel ist die Zahl der Patienten mit chirurgischen Eingriffen, die über 75 Jahre alt sind, von 2,3 Millionen im Jahr 2006 auf 3,9 Millionen 2016 gestiegen, ihr Anteil an allen Operationen stieg von 18 auf mehr als 23 Prozent.

„Dazu kommt, dass heute immer schwierigere, komplexere Patienten auf den OP-Tisch gelangen, die früher gar nicht operiert worden wären, weil unter anderem technisch eben immer mehr möglich ist. Das alles macht die Operationen insgesamt risikoreicher“, so von Goedecke. Bei Patienten ohne relevante Systemerkrankungen liegt die anästhesieassoziierte Sterblichkeit weiterhin bei 0,0004 Prozent, während sie bei Patienten mit schweren Begleiterkrankungen um den Faktor 100 höher liegt. Prim. von Goedecke: „Das alles ist für uns ein Auftrag, noch intensiver am Thema Patientensicherheit weiter zu arbeiten.“


Profil:

Prim. Priv.-Doz. Dr. Achim von Goedecke, M.Sc. ist seit 2008 Leiter des Institutes für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Landeskrankenhaus in Steyr (Oberösterreich). Der gebürtige Deutsche war von 1985 bis 1995 Luftwaffensanitätsoffizier und studierte währenddessen Humanmedizin an der RWTH Aachen in Deutschland. Nach dem Abschluss wurde er Assistenzarzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Bundeswehrkrankenhaus Berlin, Deutschland. Ab 1996 arbeitete er als Assistenzarzt, später als Facharzt an der Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie an der Philipps-Universität in Marburg, Deutschland. Von 2001 bis 2008 wurde er Oberarzt an der Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck, Österreich. 2004 bis 2006 absolvierte er ein berufsbegleitendes Studium der Gesundheitswissenschaften, 2006 erfolgte die Habilitation.

16.02.2018

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