Teilnehmer einer Session vor einer Leinwand
Prof. Heinz Lohmann moderiert als wissenschaftlicher Leiter des Kongresses die Podiumsdiskussion zum Umbau des Gesundheitssystems.

Quelle: WISO/Schmidt-Dominé 

Artikel • Ineffizienz des Gesundheitssytems

Wird das Krankenhaus zum Geisterhaus?

In diesem Jahr stand der Hauptstadtkongress unter dem Motto „Ein resilientes Gesundheitssystem – Mythos oder Möglichkeit?“. Dr. Nicolas Krämer, Fachbeirat der KU Gesundheitsmanagement, berichtet in seinem Kongressbericht den HSK 2022.

Autor: Dr. Nicolas Krämer

In Isabelle Allendes weltbekanntem Roman „Das Geisterhaus“ geht es um eine scheinbar wohlgeordnete Welt, die aufgrund politischer Umbrüche eingerissen wird. Droht dem deutschen Gesundheitswesen ein ähnliches Schicksal? Dieser Frage gingen Autor Prof. Dr. Boris Augurzky vom RWI und seine Mitstreiter im aktuellen Krankenhaus Rating Report nach, der auf der erstmals im hub27 der Messe Berlin ausgetragenen Leitveranstaltung der Gesundheitsbranche vorgestellt wurde. Für den Report mit dem diesjährigen Untertitel „Vom Krankenhaus zum Geisterhaus?“ hatten die Autoren die Abschlüsse der Jahre 2019 und 2020 von mehr als 500 Krankenhäusern ausgewertet.

„Whatever it takes“

Wulf-Dietrich Leber vom GKV-Spitzenverband hatte bereits vor zwei Jahren prognostiziert, 2020 würde als das „goldene Jahr der Krankenhausfinanzierung“ in die Geschichte eingehen. Und in der Tat kommt der aktuelle Report von Augurzky und seinem Forscherteam allen Unkenrufen zum Trotz zu einem klaren Ergebnis: der Anteil der Kliniken mit erhöhter Insolvenzgefahr fiel 2020 mit 7% nur noch halb so hoch wie im Vorjahr aus, während sich die durchschnittliche Umsatzrendite im gleichen Zeitraum auf 1,2% verdoppelte. 28% der Krankenhäuser wiesen im ersten Pandemiejahr ein negatives Konzernergebnis aus – ein deutlicher Rückgang im Vergleich zum Geschäftsjahr 2019 (34%). Zurückzuführen ist diese positive wirtschaftliche Entwicklung auf die üppigen Hilfszahlungen von Bund und Ländern, die der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im März 2020 unter dem Motto koste es was es wolle („whatever it takes“) angekündigt hatte, um eine Pleitewelle der Kliniken von Pandemiebeginn an zu verhindern.

Zunehmender Substanzverlust

Die Fördermittel zur Investitionskostenfinanzierung beliefen sich 2020 auf 3,3 Mrd. Euro, was einem Anstieg von 3% im Vorjahresvergleich entspricht. Bezogen auf die Erlöse aus Krankenhausleistungen sind das 3,4%. Zum Erhalt der Unternehmenssubstanz sollten jährlich 7% bis 8% der Erlöse in Investitionen gesteckt werden. Krankenhäuser schließen die Investitionslücke nur zum Teil aus eigener Kraft, so dass es zu einem Substanzverzehr kommt, der aus den Bilanzen deutlich abzulesen ist. Besonders stark machte sich dieser Substanzverzehr in den ostdeutschen Krankenhäusern bemerkbar, die sich dem niedrigen Niveau der westdeutschen Krankenhäuser immer weiter annähern.

Nordost schlägt Südwest

Eine gesonderte Auswertung der Krankenhausabschlüsse der Wirtschaftsjahre 2007 bis 2020 führt zu einer klaren Tendenz: Ein signifikant besseres Rating und eine bessere Ertragslage hatten Einrichtungen mit einem mittleren und hohen Spezialisierungsgrad sowie Häuser mit einem höheren Casemixindex. Außerdem fällt das Rating in den neuen Bundesländern am besten aus, im Südwesten der Republik am schlechtesten. Bernd Mege, Geschäftsführer der kommunalen Saarland Heilstätten, zu denen u.a. vier Krankenhäuser gehören, wies in Berlin, wie schon im April in einem Brandbrief, erneut auf die schwierige wirtschaftliche Lage der Häuser in seinem Bundesland hin und forderte von Staatssekretärin Bettina Altesleben eine langfristige versorgungsgerechte Landeskrankenhausplanung und eine kurzfristige Umsetzung verschiedener Maßnahmen, wie Hilfszahlungen zur Kompensation der Covidauswirkungen.

Blick in die Zukunft

Wird das Krankenhaus tatsächlich zum Geisterhaus? Diese Frage beantworteten die Wissenschaftler auf dem „HSK“ nicht eindeutig. Stattdessen stellen sie zwei unterschiedliche Szenarien für die Zukunft der Gesundheitsversorgung auf – und beide kommen zu einem ernüchternden Ergebnis. Das etwas positivere Szenario „Rückkehr zu 2019“ geht für 2023 von einer Rückkehr zum Vor-Krisenniveau aus und rechnet bis 2030 mit einer Fallzahlzunahme um 18% gegenüber 2020. Bei einem moderaten jährlichen Anstieg der Landesbasisfallwerte und steigenden Löhnen würde in diesem Szenario der Anteil der Krankenhäuser im Bereich der erhöhten Insolvenzgefahr bis zum Jahr 2030 auf ein Viertel steigen. Der Anteil mit einem Jahresverlust würde auf 44% wachsen und die mittlere Umsatzrendite auf -2,5% abfallen.

Im Szenario „Neustart“ wird angenommen, dass das Leistungsvolumen in diesem Jahrzehnt nicht mehr das Vorkrisenniveau erreichen wird. Es nimmt gegenüber dem Jahr 2022 nur noch sehr leicht zu, so dass die stationäre Fallzahl im Jahr 2030 nur rund 7% über dem Niveau von 2020 liegt und mithin quasi stagniert. In dieser Situation käme es zu einer noch dramatischeren Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der Krankenhäuser. Etwa 75% schrieben dann schon im Wirtschaftsjahr 2023 Verluste und 2030 betrüge Umsatzrendite im Schnitt satte -8%.

Ghostbusters gefragt wie nie

Beide Zukunftsszenarien zeichnen also ein äußerst düsteres Bild, weswegen verstärkt Kostenmanagement gefragt ist, um zu verhindern, dass die Krankenhäuser zwischen Flensburg und Oberstdorf, Selfkant und Görlitz zu Geisterhäusern werden. Das liegt nicht allen etablierten Krankenhauschefs, weswegen Kommunalpolitiker, Kirchenvertreter und private Träger, wie zum Beispiel Private-Equity-Fonds, bereits jetzt verstärkt sanierungserfahrene externe Managementprofis beauftragen, ihr Krankenhaus zu führen und Klinikmanagementgesellschaften, die die begehrten Geisterjäger in ihren Reihen haben, somit eine verstärkte Nachfrage nach ihren Dienstleistungen konstatieren, wie in Berlin zu hören war.

Historisch hohes Defizit der Krankenkassen

Das deutsche Gesundheitswesen steht weiterhin vor gewaltigen Herausforderungen, für die es gegenwärtig nicht gerüstet ist. Die gesetzlichen Krankenversicherungen haben mit dem höchsten Minus ihrer Geschichte zu kämpfen. Aktuell wird mit etwa 25 Mrd. Euro gerechnet. Eine Gesundheitsstrukturreform erscheint unabdingbar. Das wurde deutlich, als in der von Kongresspräsident Prof. Dr. Karl Max Einhäupl moderierten Session „Gesundheitssysteme im internationalen Vergleich: Wie gut ist Deutschland wirklich?“ dargestellt wurde, wie ineffizient das hiesige System ist, was von Prof. Dr. Reinhard Busse von der TU Berlin anhand verschiedener Indikatoren nachgewiesen wurde. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt eine OECD-Studie aus dem Jahr 2021, die von Michael Müller präsentiert wurde. Gemäß dieser Studie sind ärztliches Personal (4,4 pro 1.000 Einwohner) und Pflegekräfte (13,9) in Deutschland deutlich mehr vorhanden als im OECD-Durchschnitt (3,6 bzw. 8,8), nur gelingt es nicht, dieses Personal effizient einzusetzen. Deutlichen Verbesserungsbedarf erkannte auch DKG-Chef Dr. Gerald Gaß und sprach von Potenzialen in der Digitalisierung, der klinisch-ambulanten Versorgung und in mehr sektorübergreifenden Kooperationen. Die Autoren des Rating Reports sprechen sich in diesem Kontext für Hybrid-DRG für solche Leistungen aus, die aus Vergütungsgründen bislang stationär erbracht wurden, die aber ambulant hätten durchgeführt werden können. Um die Zukunft der Gesundheitsversorgung zu sichern, braucht es – so die Wissenschaftler – vor allem auch eins: politische Führung. Ein klarer Hinweis an Gesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach, der sich per Videoschaltung im hub27 zu Wort meldete.

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Green Hospital

Der Hauptstadtkongress beschäftigte sich mit vielen weiteren aktuellen Themen. Immer häufiger taucht der Programmpunkt der ökologischen Nachhaltigkeit auf der Tagesordnung der großen Klinikkongresse auf. So auch beim Hauptstadtkongress. Krankenhäuser gehören nämlich zu den größten CO2-Emittenten der Welt. Auch hier sind ein neues Mindset und innovative Konzepte gefordert, wie sie zum Beispiel Pansanté um den renommierten Krankenhausarchitekten Gunnar Dennewill entwickelt. Das international agierende Unternehmen orientiert sich im Krankenhausbau an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und arbeitet mit intelligenten sowie energiesparenden Klimatechnologien.

Reform statt Revolution

Das Fazit des diesjährigen Hauptstadtkongresses wurde im Abschlusspanel gezogen, an dem u.a. Vera Lux und Dr. Matthias Bracht aus Hannover sowie Prof. Dr. Jens Scholz vom UKSH teilnahmen. Eine Revolution wie in Allendes Geisterhaus steht dem deutschen Gesundheitswesen wahrscheinlich nicht bevor. Eine Reform, da waren sich viele Teilnehmer einig, ist gleichwohl überfällig.

Quelle: Erstveröffentlichung bei KU Gesundheitsmanagement

29.06.2022

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