Vom Schatten ins Rampenlicht

Virologie: Interdisziplinäre Kooperation ist das A und O

Eine der sogenannten „Schattendisziplinen“ in der Medizin, die Virologie, hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen, immense Fortschritte zu verzeichnen und durch die fortschreitende Globalisierung wichtige Beiträge etwa zur Virusdiagnostik und Bekämpfung von Virusepidemien geleistet.

Bericht: Walter Depner

Über solche Fragen im Allgemeinen und den im Herbst in Stresa (Italien) stattfindenden ESCV Jahreskongress sprach EH mit Frau Prof. Dr. Elisabeth Puchhammer-Stöckl von der Med. Universität Wien. Sie war bis 2016 Präsidentin des ESCV European Society for Clinical Virology.

Wie hat sich das Berufsbild des Virologen in den letzten Jahren geändert?

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Prof. Dr. Elisabeth Puchhammer-Stöckl ist stellvertretende Leiterin des Departments für Virologie der Medizinischen Universität Wien.

Das Berufsbild der klinischen Virologen und Virologinnen hat sich in vieler Hinsicht geändert. In den letzten Jahren/Jahrzehnten wurde eine Vielzahl neuer diagnostischer Tests entwickelt, und natürlich wurden auch neue Viren entdeckt. Daher verfügt man über vielkomplexere Möglichkeiten Virusinfektionen abzuklären. Und gut ausgebildete Spezialisten im Bereich der Virologie und Virusdiagnostik sind sehr wichtig für das Patientenmanagement in der Klinik. Außerdem gibt es ja bei einigen Viren bereits sehr gute Therapien, und damit bekommen aber auch antivirale Resistenztests große Bedeutung. Heute ist von Virologen in hohem Maße molekularbiologisches Wissen gefordert. Und angesichts der zunehmenden Reisetätigkeit ist natürlich auch Kenntnis über Virusepidemien in anderen Teilen der Welt sowieeine starke internationale Vernetzung wichtig.

Welche Hauptthemen werden auf dem Europäischen Jahreskongress im Herbst eine Rolle spielen? Werden diese Themen jeweils kurzfristig festgelegt oder sind die Themen lange vorher bekannt?

Bei allen unseren ESCV Jahreskongressen werden verschiedene wichtige Themenbereiche der klinischen Virologie die von konstanter Bedeutung sind, wie z.B. respiratorische Virusinfekte oder Virusinfektionen in immunsupprimierten Patienten inkludiert und schon länger vorher festgelegt. Zusätzlich werden immer aktuelle Themen berücksichtigt, und kurzfristig Expertenzu diesen Themen eingeladen. Das wird auch in Stresa so sein.

Welche Ergebnisse erwarten Sie von dem Kongress in Italien?

Der Kongress wird sicher wieder internationale Fortbildung für klinische Virologen auf höchstem Niveau bieten, auf den neuesten Stand von Diagnostik, Epidemiologie, Therapie oder Vakzinologie eingehen und neueste Erkenntnissen in der Grundlagenforschung behandeln. Außerdem ist er ein wichtiges Forum zur internationalen Vernetzung von Kollegen.

3D-Illustration der Struktur eines Influenza-Virus.
shutterstock/Kateryna Kon

Interdisziplinarität ist ein Begriff mit immer größerer Bedeutung, besonders in medizinischen Fächern. Welche Rolle spielt das für die moderne Virologie?

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist enorm wichtig. Denken Sie zum Beispiel nur an die Virusinfektionen bei transplantierten immunsupprimierten Patienten. Nur eine effiziente Zusammenarbeit zwischen Transplanteuren, Internisten, Mikrobiologen und Virologen bietet die Basis für das Langzeitüberleben der Patienten. Aber auch die Zusammenarbeit zum Beispiel mit Kinderärzten oder Gynäkologen oder mit verschiedenen Internisten ist von größter Bedeutung.

Gleiches gilt im Grunde auch für die Globalisierung. Ein Land allein würde heute sicher mehr oder weniger bedeutungslos sein. Wie wichtig ist das für Ihr Fach?

Aufgrund der Globalisierung ist eine internationale Vernetzung viel leichter geworden und das ist in unserem Fach überaus wichtig. Die rasche Information im Rahmen internationaler Netzwerke über Infektionsausbrüche, die Zusammenarbeit bei der Erregersuche und Analyse, und die gemeinsamen Anstrengungen zur Virusbekämpfung sind von unschätzbarem Wert. Und, wie wir durch den Ausbruch der SARS auch wissen, sehr erfolgreich.

Müsste aus Sicht eines Virologen die heutige Reisefreiheit eingeschränkt bzw. geändert werden?

Nein. Besser ist es, eine gute Aufklärung der Reisenden über Infektionsrisiken in den Zielgebieten anzubieten. Wünschenswert sind kompetente Reiseinformationen und eine individuelle und gezielte Risikoeinschätzung für den Reisenden durchführen.

Wie gut ist die Zusammenarbeit der Virologen innerhalb Europas? Gibt es etwa gemeinsame Forschungsvorhaben?

Wir hoffen, auch unsere russischen Kollegen für das europäische Netzwerk zu gewinnen

Elisabeth Puchhammer-Stöckl

Dank der ESCV ist die Zusammenarbeit der Virologen sehr gut. Die ESCV organisiert ja nicht nur einmal im Jahr die Jahrestagung, sondern organisiert und finanziert auch spezifische Workshops in Europa. Sehr erfolgreich waren beispielsweise der Workshop über Kongenitale Virusinfektionen in Regensburg,Workshops über neue Methoden in der Virusdiagnostik in Wien und Istanbul, über Virus-Serologie in Trondheim, oder kürzlich der Enterovirus-Workshop in Oxford. 

Diese Workshops sind vor allem Mitgliedern der ESCV zugänglich und für sie auch mehr oder weniger kostenlos. Hier wird in 2 Tagen ein Thema mit Experten und einer begrenzten Zahl von Teilnehmern behandelt, es werden die Grundlagen und Richtlinien für Klinik und Diagnostik diskutiert, und klinische Fälle präsentiert, und eine entspannte Vernetzung der Virologen ermöglicht. Demnächst haben wir unseren ersten Workshop in St Petersburg zu dem Thema Virusinfektionen bei Transplantationspatienten und wir hoffen, damit auch unsere russischen Kollegen für das europäische Netzwerk zu gewinnen.

Europa ist heute auch „nur noch“ ein relativ kleiner Teil der globalen Welt. Demnach müsste natürlich auch die globale Zusammenarbeit ausgebaut werden. Wie klappt das?

Es gibt auch eine Vielzahl globaler Vernetzungen. In der klinischen Virologie haben wir Europäer eine Schwestergesellschaft, die Pan-American Society of Clinical Virology, mit der wir regen Austausch pflegen. Darüber hinaus sind Virologen natürlich in ihren Spezialgebieten, wie beispielsweise HIV,Hepatitis oder Herpesviren international bestens vernetzt.


Profil:

Prof. Dr. Elisabeth Puchhammer-Stöckl ist stellvertretende Leiterin des Departments für Virologie der Medizinischen Universität Wien. Dort leitet sie u.a. eine Forschungsgruppe mit den Schwerpunkten Virusinfektionen bei immunsupprimierten Personen, Resistenzentwicklung von Viren gegen antivirale Behandlung und Entwicklung neuer Methoden in der Virusdiagnostik. Sie ist Mitglied zahlreicher europäischer wissenschaftlicher Komitees und Gutachterin diverser internationaler Journale sowie für einige EU-Projekte.

12.10.2017

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