Muskuloskelett

Untere Extremitäten beim Ultraschall ganz oben

In der traumatologischen Diagnostik ist die Sonographie eine der ersten Anlaufstellen für Verletzungen, die nicht den Knochen betreffen“, erklärt Dr. Alexander Loizides, Oberarzt an der Universitätsklinik für Radiologie der Medizinischen Universität Innsbruck. Ob Muskelfaserrisse, Kapselverletzungen, Nervenläsionen oder Sehnenverletzungen – im muskuloskelettalen Bereich leistet die Sonographie bei Traumapatienten ganze Arbeit.

B-Bild der rechten und linken
Hüfte mit Darstellung
eines Hüftgelenkergusses...
B-Bild der rechten und linken Hüfte mit Darstellung eines Hüftgelenkergusses linksseitig.
Quelle: Medizinische Universität Innsbruck, Department Radiologie
B-Bild
einer normalen
Achillessehne.
B-Bild einer normalen Achillessehne.
Quelle: Medizinische Universität Innsbruck, Department Radiologie

„In der Notfallmedizin muss es schnell gehen – und genau diese schnelle Diagnose kann die Sonographie liefern“, unterstreicht Loizides. Zum Beispiel bei der Quadrizeps-Sehnenruptur oder der Achillessehnenruptur ist die Sonographie die Methode der Wahl: Zum einen lässt sich die Läsion problemlos darstellen und es kann abgeklärt werden, ob die Sehne komplett oder teilweise gerissen ist. Zum anderen bietet die Sonographie die Möglichkeit einer funktionellen Untersuchung: „Man kann die Extremität während der Sonographie bewegen. Das ist mit keiner anderen Modalität möglich“, betont der Innsbrucker Radiologe. Bei der Achillessehnenruptur beispielsweise kann mittels funktioneller Sonographie festgestellt werden, ob die beiden Enden (Stümpfe) der Sehne adaptieren oder nicht. Berühren sich die Stümpfe, kann konservativ behandelt werden. Adaptieren die Stümpfe hingegen nicht, wird meistens operiert.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der traumatologischen Begutachtung ist die Frage, ob ein Gelenkserguss vorliegt. Wenn ja und die übrigen sonographisch beurteilbaren Regionen unauffällig sind, sollte ein weiteres bildgebendes Verfahren eingesetzt werden. „Knöcherne Strukturen sind mit Ultraschall eher schwierig zu beurteilen“, weiß Loizides. Oberflächliche Kortikalis-Verletzungen könne man gut erkennen, für das Innere des Knochens ist die Sonographie jedoch nicht die Methode der Wahl. „Aber bei allem anderen – Muskel, Sehnen, Faszien und Nerven – ist die Sonographie insbesondere in der akuten traumatologischen Diagnostik eine der wichtigsten Modalitäten.“

„Bei der Beurteilung peripherer Nerven ist die Sonographie die bildgebende Methode der ersten Wahl und wird es womöglich auch immer bleiben“, bekräftigt Loizides. Möglich gemacht hat das die technische Entwicklung hochauflösender Schallköpfe in den vergangenen Jahren. Heutzutage werden Schallköpfe mit Frequenzen von bis zu 20 Megahertz eingesetzt, sodass auch winzigste Nervenäste beurteilt werden können: Es kann eruiert werden, ob der Nerv zum Beispiel bei einer komplexen Knochenfraktur oder einer Stichverletzung mitverletzt ist, ob er komplett oder nur teilweise durchtrennt ist oder ob ein größeres Hämatom den Nerv komprimiert. Aber auch außerhalb der traumatologischen Notfallmedizin wird die Sonographie zur Beurteilung peripherer Nerven eingesetzt, nämlich bei Mono- oder Polyneuropathien, die sich in neurologischen Defiziten äußern. So lassen sich etwa die Kompressionssyndrome oder Neuropathien der unteren Extremitäten, vergleichbar mit dem bekannten Karpaltunnelsyndrom am Handgelenk, sonographisch sehr gut darstellen.

Loizides, der auf dem Kongress gemeinsam mit anderen Experten einen Ultraschallworkshop zu den unteren Extremitäten bestreitet, hat auch zwei praktische Tipps: Erstens ist anatomisches Grundwissen gefordert! Wo setzt die Muskulatur an? Welche Funktion hat dieser Muskel? Wie wird er innerviert? Diese Fragen sollten bei der entsprechenden Untersuchung geklärt sein. „Wenn man nicht jeden Tag damit befasst ist, kann es sein, dass dieses Grundwissen nicht immer sofort greifbar ist“, weiß Loizides und rät, diese Wissenslücken nicht zu leugnen und sie bei Bedarf zu füllen, indem man einen Anatomieatlas zur Hand nimmt. Und zweitens empfiehlt er, sich bei den Ultraschalluntersuchungen der Gelenke und Muskeln an die Standardschnitte zu halten, die von der European Society of Musculoskeletal Radiology (ESSR) vorgeschlagen wurden.


PROFIL:
Dr. Alexander Loizides ist Oberarzt und stellvertretender Leiter der Abteilung für sonographische Diagnostik, konventionelles Röntgen und Durchleuchtung an der Universitätsklinik für Radiologie der Medizinischen Universität Innsbruck. Der in Meppen (Deutschland) geborene Radiologe, der in Innsbruck studierte und auch seine Facharztausbildung absolvierte, kann auf zahlreiche Originalpublikationen verweisen und ist Reviewer bei drei internationalen Fachzeitschriften. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Sonographie des Bewegungsapparates, die Sonographie des peripheren Nervensystems, ultraschallgezielte Schmerztherapie und sonographische Tumordiagnostik.

Veranstaltungshinweis:
Raum: Paracelsus
Donnerstag, 1. Oktober 2015, 12:00–16:00 Uhr
US Hands-on-Workshop – Untere Extremitäten
A. Loizides, Innsbruck/Österreich
 

25.09.2015

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