
© Carolina K Smith MD – stock.adobe.com
News • Investitionen statt Marktmacht
Studie: Klinikfusionen verbessern Herzinfarkt-Versorgung
Wenn ein Krankenhaus von einem neuen Träger übernommen wird, steht in der Öffentlichkeit oft die Sorge vor Sparmaßnahmen und einer schlechteren Versorgung im Vordergrund.
Eine aktuelle bundesweite Studie von Dr. Esra Eren Bayindir und Prof. Dr. Jonas Schreyögg vom Hamburg Center for Health Economics (HCHE) der Universität Hamburg sowie Prof. Dr. Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin (TUB) belegt nun das Gegenteil: Nach Krankenhausfusionen können sich die Überlebenschancen von Patienten bei akuten Notfällen wie dem Herzinfarkt spürbar verbessern. Wie das Forschungsteam in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet Regional Health – Europe berichtet, sank die 30-Tage-Übersterblichkeit nach einem akuten Herzinfarkt in übernommenen deutschen Krankenhäusern um 1,24% – was bei einer Ausgangssterblichkeit von 12,82% einer relativen Reduktion von rund einem Zehntel entspricht.
Unsere Ergebnisse sind kein pauschales Plädoyer für mehr Klinikfusionen. Sie zeigen aber: Im richtigen regulatorischen Umfeld können Übernahmen unterkapitalisierten Häusern den Zugang zu notwendigen Investitionen eröffnen
Jonas Schreyögg
Anders als in den USA, wo Krankenhausfusionen häufig zu höheren Preisen ohne verlässliche Qualitätsgewinne führen, funktioniert das deutsche Fallpauschalensystem grundlegend anders: Da in Deutschland Behandlungsvergütungen politisch fest reguliert sind, kann eine Klinik nach einer Übernahme in eine neue Trägerschaft nicht einfach höhere Preise verlangen. Eine Verbesserung der Versorgungsqualität resultiert vielmehr daraus, dass finanzstärkere Träger vorher unterkapitalisierten Häusern das Kapital zur Verfügung stellen, das für Infrastrukturverbesserungen wie neue Herzkatheterlabore benötigt wird.
Während sich Investitionen in Bezug auf Herzinfarkte in reduzierter Sterblichkeit niederschlagen, zeigte sich bei der Behandlung von Schlaganfällen im Durchschnitt keine spürbare Veränderung der Überlebenschancen. „Der Unterschied zwischen Herzinfarkt und Schlaganfall zeigt, dass Kapital allein nicht immer ausreicht“, erklärt Prof. Dr. Jonas Schreyögg, Co-Autor der Studie und Wissenschaftlicher Direktor des HCHE. „Herzinfarktversorgung hängt stark von einzelner, gut standardisierter Infrastruktur ab – ein Herzkatheterlabor wirkt vergleichsweise schnell. Schlaganfallversorgung braucht dagegen eingespielte, interdisziplinäre Teams und Prozesse, die sich nicht von heute auf morgen aufbauen lassen. Unsere Ergebnisse sind deshalb kein pauschales Plädoyer für mehr Klinikfusionen. Sie zeigen aber: Im richtigen regulatorischen Umfeld können Übernahmen unterkapitalisierten Häusern den Zugang zu notwendigen Investitionen eröffnen.“
Die Ergebnisse liefern damit differenzierte Evidenz für die gesundheitspolitische Diskussion um Krankenhausstrukturen: Für kapitalintensive, standardisierte Notfallversorgung wie die Herzinfarktbehandlung können Krankhausübernahmen rasche Qualitätsverbesserungen ermöglichen. Für komplexere, koordinationsabhängige Versorgungspfade wie die Schlaganfallbehandlung braucht es zusätzlich gezielte Integrationsstrategien, die über reine Kapitalinvestitionen hinausgehen.
Die Studie basiert auf öffentlich zugänglichen strukturierten Qualitätsberichten und Krankenhausverzeichnissen. Die Qualitätsindikatoren zu Mortalität und Wiederaufnahmeraten wurden vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) bereitgestellt. Die Studie wurde gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Fördernummer: 556603662.
Quelle: Hamburg Center for Health Economics
22.08.2026



