Zwei Wissenschaftler in einem medizinischen Labor betrachten wissenschaftliche...
Prof. Dr. Yannic Bartsch und Dr. Dr. Theresa Graalmann zeigen, wie sie Immunzellen mit der Durchflusszytometrie in Haut- oder Blutproben analysieren.

© Karin Kaiser/MHH 

News • Seltenen Autoimmunerkrankung

Kollagenosen: Präzisere Diagnostik für bessere Therapien

Gelenkschmerzen, Hautveränderungen, extreme Erschöpfung – und oft jahrelang keine klare Diagnose: Kollagenosen können sehr unterschiedlich verlaufen und für Betroffene zur großen Belastung werden.

Bei diesen seltenen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen greift das Immunsystem den eigenen Körper an, insbesondere das Bindegewebe. Da nahezu jedes Organ betroffen sein kann, können Kollagenosen im schlimmsten Fall lebensbedrohlich werden. In Deutschland leben rund 115.000 Menschen mit einer solchen Erkrankung. Sie verlaufen chronisch, eine Heilung gibt es bislang nicht. Zwar können Medikamente Beschwerden lindern, doch häufig dauert die Suche nach der passenden Therapie lange, was mit viel Leid und hohen Kosten verbunden sein kann. 

Ein Team aus Forschenden sowie Ärztinnen und Ärzten der Medizinischen Hochschule Hannover, des TWINCORE – Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung und des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung (HZI) arbeitet gemeinsam daran, das zu ändern. Ihr Projekt „PREcision DIagnostics to CombaT Connective Tissue Diseases“ (PREDICT-CTD) hat das Ziel, ein neues Diagnoseverfahren zu entwickeln. Es soll dafür sorgen, dass die Patientinnen und Patienten künftig gezielter und individueller behandelt werden können. 

Entweder wird die Entzündung vorrangig von bestimmten Immunzellen ausgelöst, von den B-Zellen, oder von speziellen Botenstoffen des Immunsystems, von Typ1-Interferonen. Entsprechend hängt die optimale Therapie von der jeweils führenden Ursache ab

Theresa Graalmann

Dafür baut das Team auf dem Wissen auf, dass Kollagenosen – obwohl sie sehr viele verschiedene Symptome verursachen – je nach ihrer ursächlichen Immunreaktionen in zwei Gruppen von führenden Entzündungsreaktionen eingeteilt werden können. „Entweder wird die Entzündung vorrangig von bestimmten Immunzellen ausgelöst, von den B-Zellen, oder von speziellen Botenstoffen des Immunsystems, von Typ1-Interferonen. Entsprechend hängt die optimale Therapie von der jeweils führenden Ursache ab“, sagt Dr. Dr. Theresa Graalmann, die das Projekt mit Prof. Dr. Yannic Bartsch leitet. 

Bisher gibt es noch keine klinische Routinediagnostik, mit der die führende Entzündungsreaktion im Gewebe der betroffenen Patientinnen und Patienten festgestellt werden kann, um schnell die passende Therapie einleiten zu können. Derzeit muss die geeignete Therapie ausprobiert werden. Ziel des neuen Projektes ist es, die klinische Routinediagnostik zu entwickeln, mit der speziell der individuelle Entzündungstyp analysiert und die passende Therapie gefunden werden kann. So werden unnötige Behandlungen vermieden. 

Für die Studie sollen zirka 200 Kinder und 2.000 Erwachsene mit Kollagenosen untersucht werden. Das Team analysiert neben klinischen Faktoren deren Blutproben, genetische Faktoren und Gewebe, insbesondere die Haut. Im Fokus stehen dabei die Reaktionen des Immunsystems. 

Das Projekt startet am 1. Juli 2026 und ist auf fünf Jahre angelegt. Das Land Niedersachsen und die VolkswagenStiftung unterstützen das Vorhaben mit 2,7 Millionen Euro im Rahmen des Programms „zukunft.niedersachsen“. Das Programm fördert Projekte, die neue Diagnosen und Therapien für seltene Erkrankungen entwickeln wollen. Als selten gelten Erkrankungen, wenn sie weniger als fünf von 10.000 Menschen betreffen. Sie sind oft besonders schwer zu diagnostizieren und zu behandeln. 

Kollagenosen umfassen mehrere unterschiedliche Erkrankungen. Zu den häufigsten zählen: Systemische Sklerose, Systemischer Lupus erythematodes, die Sjögren’s Erkrankung und inflammatorische Myositiden. Auch Mischformen sind möglich. Die Erkrankungen können sich sehr unterschiedlich äußern: Bei der Systemischen Sklerose kommt es zu einer Vernarbung des Bindegewebes. Das kann sowohl die Haut als auch die inneren Organe betreffen. Systemischer Lupus erythematodes kann neben Haut und Gelenken auch Nieren, Herz oder das Nervensystem angreifen. Die Sjögren’s Erkrankung führt zu trockenen Augen und trockenem Mund, kann aber auch verschiedene Organe betreffen. Inflammatorische Myositiden gehen mit chronischen Entzündungen der Muskulatur und folglich einer Muskelschwäche einher. 

Die Ursachen für Kollagenosen sind vielfältig und umfassen sowohl genetische Faktoren als auch Umwelteinflüsse wie Rauchen, Feinstaub, Infektionen und Hormone. Bisher sind Kollagenosen nicht heilbar. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Beschwerden abzuschwächen. 


Quelle: Medizinische Hochschule Hannover; Text: Bettina Bandel 

22.04.2026

Verwandte Artikel

Photo

News • ERE-Forschung

Auf dem Weg zu neuen Immuntherapien gegen entzündlich-rheumatische Erkrankungen

TCE-Engager und CD19-gerichtete CAR-T-Zellen zeigen großes Potenzial für neue Immuntherapien gegen schwere entzündlich-rheumatische Erkrankungen. Das zeigen zwei aktuelle Studien.

Photo

News • Mitochondrien als Schlüsselfaktor

Morbus Crohn: Forscher entdecken Ursache für wiederkehrende Darmentzündungen

Patienten mit Morbus Crohn weisen trotz klinischer Remission eine geschwächte Darmbarriere auf, was das Risiko wiederkehrender Entzündungen erhöht. Forscher fanden nun heraus, woran das liegt.

Photo

News • „Brain Fog“ & Co. auf der Spur

Post-Covid: MRT zeigt gestörten Energiestoffwechsel im Gehirn

Konzentrationsprobleme, „Brain Fog“, verlangsamtes Denken: Forschende haben nun Hinweise darauf gefunden, dass bei Post-Covid-Betroffenen der Energiestoffwechsel im Gehirn messbar verändert ist.

Newsletter abonnieren