Interoperabiltität

Integrating Healthcare Enterprises mit IHE-Profilen

Die Initiative Integrating the Healthcare Enterprise (IHE) hat das Ziel, den Datenaustausch zwischen IT-Systemen im Gesundheitswesen zu standardisieren. Die Umsetzung medizinischer Prozesse zwischen Systemen und die Schaffung von Interoperabilität stehen dabei im Fokus. IHE formuliert dazu Anforderungen aus der Praxis, identifiziert relevante Standards und entwickelt technische Leitfäden, sogenannte Profile, mit denen ein Hersteller sein Produkt umsetzen und testen kann.

Im Interview mit healthcare-in-europe erläutern Mathias Aschhoff, Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH, und Alexander Ihls, T-Systems, warum IHE-Profile immer wichtiger werden.

Interview: Melanie Günther

Photo: Integrating Healthcare Enterprises mit IHE-Profilen
Alexander Ihls
Alexander Ihls
Quelle: Alexander Ihls/T-Systems

Herr Aschhoff, was ist Interoperabilität und welche Rolle spielt sie bei der Einführung telemedizinischer Anwendungen zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung?

Aschhoff: Interoperabilität ist die Fähigkeit, unabhängige heterogene Systeme möglichst nahtlos zusammenzuführen und Informationen auf effiziente Art und Weise auszutauschen beziehungsweise dem Nutzer zur Verfügung zu stellen, ohne dass dazu eine gesonderte Absprache zwischen den Systemen notwendig ist. Kurzgefasst ist es der Austausch und die adäquate Weiternutzung von Informationen über Systemgrenzen hinweg. Die Kompatibilität zwischen einzelnen Systemen ist eine grundlegende Voraussetzung für einen reibungslosen Ablauf im medizinischen Alltag.

Ihls: Gerade im Gesundheitswesen ist es wichtig, die Interoperabiltität in drei Ebenen zu unterteilen: technisch, syntaktisch und semantisch. Letztere ist die wichtigste Ebene für das Gesundheitswesen. Sie formuliert Standards und Terminologien, um medizinische Informationen mithilfe von Metadaten so zu beschreiben, dass sie für Computersysteme verarbeitbar sind.

Herr Ihls, vor welchem Hintergrund wurde die Initiative IHE gegründet?

Ihls: Ende der Neunziger Jahre gab es bereits beherrschende Standards in der radiologischen Bildgebung: HL7 Version 2 und DICOM. Man brauchte aber noch technische Beschreibungen, die klar festlegten, wie solche Standards in welchen Situationen zu nutzen und wie diese durch die Hersteller zu implementieren sind. 1998 rief die Amerikanische Vereinigung der Radiologen (RSNA) Industriepartner, aber auch Vertreter von Standardisierungsorganisationen (SDO – Standard Development Organization) auf, eine Initiative zu gründen und „Healthcare Enterprises“ zusammenzuführen. So entstand der Name „Inititating the Healthcare Enterprise (IHE)“.

Wo liegen die Schwerpunkte der Initiative auf internationaler Ebene?

Ihls: IHE ist organisatorisch in zwei große Säulen gegliedert. Die erste Säule ist die Entwicklung von Profilen, welche die Anwendung von Standards klar beschreiben. Dieser Prozess wird durch internationale Arbeitsgruppen organisiert. Die zweite Säule sind die Deployment-Organisationen. Das sind die Regional- sowie Landesorgansiationen wie IHE Europe oder IHE Deutschland, deren Aufgabe es ist, IHE bekannt zu machen, zu fördern und in die tägliche Arbeit einzubringen. IHE Europe hat unter anderem den Auftrag, sich mit der EU-Kommission und anderen europäischen Organisationen abzustimmen. Vor zwei Monaten hat die EU-Kommission eine wichtige Entscheidung getroffen. 27 ausgewählte IHE-Profile werden künftig in europaweiten Ausschreibungen zur Nutzung zugelassen und empfohlen.

Herr Aschhoff, welche Rolle nimmt die jährlich stattfindende Veranstaltung Connectathon dabei ein?

Aschhoff: Bei der Veranstaltung handelt es sich um ein Testlabor. Hier haben Anbieter die Möglichkeit, ihre Software gegen IHE-Profile zu testen. Connectathon ist ein Kofferwort aus Connect und Marathon – und genauso muss man sich das auch vorstellen. Zu der im kommenden Jahr von IHE und ZTG organisierten Veranstaltung in Bochum können sich Firmen, Universitäten, Anwendervertreter und Organsationen mit ihren Softwareprodukten anmelden. IHE Profile werden dann unter Anweisung von Schiedsrichtern gegeneinander getestet, um herauszufinden, ob das, was man implementiert hat, auch wirklich konform mit den IHE-Frameworks funktioniert. Das ist eine aufwendige Organisation, wird aber von den Firmenvertretern mittlerweile sehr gut angenommen. Durch die Connectathons wird nicht nur die technische und semantische Interoperabilität sichergestellt, sondern es entsteht auch ein persönliches Netzwerk, das im täglichen Arbeiten mit den Kunden und verschiedenen Wettbewerbern hilft, schnelle Lösungen zu finden und Informationen über Gesundheits-IT-Standards direkt zu den Entscheidern zu bringen.

Welche Vorteile ergeben sich für Unternehmen aus einer Beteiligung?

Aschhoff: Hersteller können testen, wie verlässlich die Spezifikationen sind und sich am Markt vergleichen. Am Wichtigsten ist das Integration-Statement von IHE, das sie bei Bestehen des Connectathons erwerben. Neben dem Testlabor wird es beim Connectathon in Bochum ein spannendes Rahmenprogramm geben, zum Beispiel mit einem Joint European Symposium zum Thema Interoperabilität (12. April 2016) und dem Deutschen Interoperabilitätstag (13. April 2016), auf das wir uns schon sehr freuen.

Ihls: Außerdem erleben wir in Deutschland das, was in Österreich, der Schweiz und anderen Ländern schon länger Standard ist. Viele der Ausschreibungen fordern mittlerweile IHE-Profile. Österreich und Schweiz haben sich national für IHE entschieden. Dort können Krankenhausinformationssysteme oder auch andere Expertensysteme gar nicht mehr ohne IHE-Schnittstelle angeboten werden. Aber immer mehr Anwenderorganisationen, Krankenhausketten und -trägergesellschaften haben sich in Deutschland jetzt schon freiwillig dazu entschieden, Systeme IHE-konform aufzubauen und fordern dementsprechend in ihren Ausschreibungen auch die IHE-Profile. Neben dem Connectathon gibt es daher ein Conformacy Testing: Hier wird nicht nur die Implementierung von IHE-Profilen bei einem Hersteller getestet, sondern auch zertifiziert.

Wo soll es zukünftig mit IHE hingehen?

Ihls: Der Fokus für das nächste Jahr liegt einerseits auf der Erstellung von Profilen für mobile Anwendungen. Mobile Applikationen in- und außerhalb von Krankenhäusern werden in den Fokus gerückt. Ein weiterer Bereich, an dem IHE gerade intensiv arbeitet, ist das Thema Datenschutz und -sicherheit. In dem Zusammenhang befassen wir uns insbesondere mit der elektronischen Abbildung von Einverständniserklärungen der Patienten.

 

PROFILE:

Alexander Ihls ist Senior Expert Medical IT bei der Deutschen Telekom Healthcare Solutions (DTHS) und begleitet die Entwicklung verschiedener Produkte und Services der DTHS. Seit vielen Jahren ist er in verschiedenen nationalen und internationalen Gremien zur Standardisierung von Healthcare IT engagiert und war unter anderem Gründungsvorsitzender der Initiative „Integrating Healthcare Enterprise“ (IHE) Deutschland (2004-2006), für deren Industriemitglieder er seit 2014 erneut den Vorsitz übernommen hat.

Mathias Aschhoff setzt sich für die Projekte auf nationaler und internationaler Ebene für die Standardisierung ein. Er betreut u.a. das Standards-Dokumentations- und Informationssystem SDIS, an dessen Entwicklung er maßgeblich beteiligt war. Bei der ZTG ist er als Projektmitarbeiter im Bereich einrichtungsübergreifender elektronischer Aktensysteme mit der Spezialisierung auf Informations- und Kommunikationsstandards im Gesundheitswesen tätig. Seit 2014 ist Aschhoff im Vorstand von HL7 Deutschland aktiv.

26.11.2015

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