„Grüne“ Politik in NRW

Radiologie Report Ruhr im Gespräch mit Staatssekretärin Marlis Bredehorst

Marlies Bredehorst
Marlies Bredehorst

RRR: Sie sind seit circa einem halben Jahr im Amt: Welchen Eindruck hat die Gesundheitswirtschaft/die Gesundheitspolitik in NRW bei Ihnen hinterlassen? Kränkelt es irgendwo?

Marlies Bredehorst: In Nordrhein-Westfalen sind mehr als eine Million Frauen und Männer in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt. Damit hat sich die Gesundheitswirtschaft als Wachstums- und Innovationsmotor für das bevölkerungsreichste Bundesland sehr gut profiliert.

Die Gesundheitswirtschaft ist aber auch eine sehr komplexe Branche, zu deren Stärkung und Weiterentwicklung in den letzten Jahren sehr viel getan wurde. Die neue Landesregierung will diese Arbeit im Grundsatz fortführen, aber: Wir wollen auch neue Akzente setzen. Dies gilt zum Beispiel für die Regionalisierung. Das Ruhrgebiet als eines der Gesundheitsregionen in Nordrhein-Westfalen hat völlig andere Strukturen und Akteure als Ostwestfalen-Lippe oder die Gesundheitsregion Köln/Bonn. Die insgesamt sechs Gesundheitsregionen sollen in Zukunft auf der Basis ihrer jeweiligen Standortbedingungen konkrete Strategien und Projekte gemeinsam mit den Akteuren des Gesundheitswesens, der Wirtschaft und der Wissenschaft vor Ort entwickeln. Unterstützt werden sie dabei vom Gesundheitscampus Nordrhein-Westfalen und dem Clustermanagement Gesundheitswirtschaft NRW.

Es ist uns ein wichtiges Anliegen, unser Gesundheitswesen zukünftig menschlicher und sozialer auszurichten. Der Mensch soll dabei im Mittelpunkt stehen, nicht das System. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sehen wir dabei einen besonderen Handlungsbedarf in der Versorgung älterer und hoch betagter Menschen. Konkret wird es um die Vermeidung stationärer Aufenthalte durch Optimierung von Behandlungsprozessen im ambulanten Bereich gehen. Oder die Fehlbelegung in Fachabteilungen, die sich mit den Besonderheiten älterer multimorbider Patienten nicht in dem notwendigen Maße auseinander setzen können. Hier ist geriatrische Fachkompetenz gefragt. Oder die ganz praktische Frage: Wie gehen wir mit Demenzerkrankten um, die akutmedizinisch in einem Krankenhaus behandelt werden müssen? Hier sind Krankenkassen wie Krankenhäuser gefordert, adäquate Versorgungskonzepte zu entwickeln. Aber auch die Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher, deren Zahl in den letzten Jahren überproportional gestiegen ist, bereitet uns große Sorgen. Hier wollen wir mit der Landesgesundheitskonferenz im Dezember 2010 zu gemeinsamen Verabredungen kommen.

Eine große Herausforderung sehen wir ferner in der Sicherstellung der Gesundheitsversorgung. Wir sind eine Gesellschaft, die vom demographischen Wandel stark betroffen ist. Dies wird einerseits zu einer starken Zunahme der Nachfrage nach Gesundheitsleistungen führen. Andererseits werden wir - zumindest regional - mit einem Ärztemangel konfrontiert. Nordrhein-Westfalen hat sich deshalb zusammen mit den anderen Ländern bereits intensiv Gedanken gemacht und einen Katalog an Maßnahmen beschlossen. Wir wollen u.a., dass die Landesebene künftig bei der Bedarfsplanung im ambulanten Sektor stärker mitentscheiden kann. Und Bedarfsplanung muss künftig auch einen sektorenübergreifenden Ansatz haben. Bei der weiteren Konkretisierung werden wir auch die Vorstellungen der Krankenhausgesellschaft (KGNW) einbeziehen.


RRR: Die Gesundheitswirtschaft gehört hier im Land und speziell auch in der Rhein/Ruhr Region mittlerweile zu den stärksten Wirtschaftszweigen: Rund 300.000 Menschen erwirtschaften knapp 5 Milliarden Euro jährlich. Eine gute Ausgangsbasis also, um diesen Bereich weiter zu stärken….

Marlies Bredehorst: Nach unseren Informationen sind in den beiden Gesundheitsregionen Köln/Bonn und der Metropole Ruhr zusammen über 480 000 Menschen in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt. Frauen machen dabei mit über 60% den überwiegenden Anteil aus. Der Gesamtumsatz der beiden Regionen in der Gesundheitswirtschaft beträgt etwas über 25 Milliarden Euro. Damit ist eine sehr gute Ausgangsbasis vorhanden, um diesen Bereich weiter zu stärken. Wir werden uns an diesem Prozess beteiligen und beispielsweise neue Wachstumsfelder in den Branchen der Gesundheitswirtschaft mit den Schwerpunkten Anwendungsorientierte Medizintechnik, Prävention, Telematik im Gesundheitswesen, sowie dem Themenfeld Innovationen für Krankenhäuser entwickeln. Für Projekte in diesen Zukunftsmärkten stehen in den kommenden 3 Jahren Fördermittel des Landes und der EU in Höhe von über 23 Mio. € zur Verfügung.


RRR: Mit etwa 460 Krankenhäusern, davon etwa 133 in der Rhein/Ruhr Region und sechs Universitätskliniken nimmt auch die medizinische Forschung und Wissenschaft eine Spitzenposition ein. Mit dem Gesundheitscampus NRW wird dieser Anspruch noch untermauert. Wie ist Ihre Position zum Campus und mit welchen Maßnahmen möchten Sie medizinische Forschung und Lehre weiter vorantreiben?

Marlies Bredehorst: Insbesondere in der medizinischen Forschung und Entwicklung ist es Ziel des Gesundheitscampus, die im Land vorhandenen Kompetenzen zusammenzuführen und sie für die Menschen in Nordrhein-Westfalen verfügbar zu machen. Dabei nimmt der Gesundheitscampus eine landesweite, institutionenübergreifende Sichtweise ein. So hilft er, Transparenz herzustellen und eine verlässliche Grundlage – z.B. für politische Entscheidungen – zu schaffen. Auch in der Ausbildung setzt der Gesundheitscampus mit der ersten staatlichen Hochschule für Gesundheit neue Standards. Im September wurden dort die ersten Studierenden für die Bereiche Ergotherapie, Hebammenkunde, Logopädie, Pflege und Physiotherapie begrüßt. Mit ihrem einzigartigen Studienangebot leistet die Hochschule echte Pionierarbeit. Auch damit stellen wir die zukünftige medizinische Versorgung sicher.

Die Errichtung der Gesundheitscampus-Zentrale in Bochum ist zudem ein wichtiger strukturpolitischer Impuls für die Metropole Ruhr. Auch wegen der räumlichen Nähe zur Ruhr-Universität Bochum ist diese ein wichtiger Partner. Die Aufgabe des Gesundheitscampus ist aber nicht regional beschränkt, sondern eine Einrichtung für und in ganz Nordrhein-Westfalen mit vielen Partnerinnen und Partnern.


RRR: Das sogenannte „Grüne Krankenhaus“, also energetisch nachhaltige Konzepte im Krankenhaus, ist gerade sehr gefragt. Ein Paradethema für „grüne“ Gesundheitspolitik?

Marlies Bredehorst: Natürlich ist es mir wichtig, dass auch die Krankenhäuser mit unseren natürlichen Ressourcen schonend umgehen. Und ich freue mich, dass die Bereitschaft hierzu wächst. Aber Nachhaltigkeit in der Gesundheitspolitik und in den Krankenhäusern bedeutet für mich weit mehr als die Verwirklichung von Energiesparkonzepten. Eine nachhaltige Gesundheitspolitik muss den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen. Wir dürfen nicht länger einseitig von „Fällen“, „Strukturen" und „Systemen“ her denken, sondern immer wieder die Frage stellen, was gesunde Menschen brauchen, um gesund zu bleiben, wie die einzelnen kranken Menschen eine gute medizinische Versorgung erhalten. Das erfordert Geld, medizinisches Wissen und Technik, keine Frage. Aber das erfordert vor allem, dass die Versorgung von den einzelnen Patientinnen und Patienten ausgehend gedacht wird, dass ihre Bedürfnisse und nicht die kurzfristige medizinische oder finanzielle Effizienz der Versorgungsprozesse im Mittelpunkt stehen. Das gilt gerade für die zunehmende Zahl älterer und hoch betagter Patientinnen und Patienten. Es ist doch das Gegenteil von Nachhaltigkeit, wenn beispielsweise die Anlassdiagnose effizient behandelt wird, ältere Menschen aber durch die „modernen“ Krankenhausabläufe in einem Maße belastet werden, dass sich ihre Heilung unnötig verzögert oder sie im schlimmsten Fall gar psychisch so destabilisiert werden, dass sie das Krankenhaus als Pflegefall verlassen.

RRR: Frau Bredehorst, wir danken für das Gespräch!

 

04.11.2010

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