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News • Epidemiologie bei Großereignissen

Fußball-EM: Studie zeigt Auswirkungen auf Covid-19-Infektionen

Die Fußball-Europameisterschaft 2020, die im Sommer 2021 stattgefunden hat, wirkte sich in den beteiligten Ländern sehr unterschiedlich auf das Infektionsgeschehen der Corona-Pandemie aus. Wie stark die Zahlen der Ansteckungen und Todesfälle durch Covid-19 stiegen, hing dabei vor allem von der Ausgangssituation ab.

Das haben Physiker in einer Analyse der epidemiologischen Daten festgestellt. An der Studie waren das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, das Max-Planck-Institut für Physik in München sowie die Universitäten Bonn und Göttingen und das PUNCH4NFDI-Konsortium in der nationalen Forschungsdateninfrastruktur beteiligt. Die Studie ist in Nature Communications erschienen

Bei internationalen Fußballturnieren haben Krankheitserreger leichtes Spiel. Denn viele Menschen verfolgen die Spiele gemeinsam, sei es in einem privaten Wohnzimmer, in einem Pub oder beim Public Viewing, wo sich etwa das Coronavirus leicht verbreiten kann. So lässt sich klar nachweisen, dass die verstärkten Kontakte unter Fans während der Fußball-Europameisterschaft 2021 zu zahlreichen Ansteckungen führte. Die Stärke des Effekts unterscheidet sich aber stark von Land zu Land. Das Team aus Göttingen, Bonn und München untersuchte für zwölf der beteiligten Länder, wie sich das Infektionsgeschehen während und nach der EM im Sommer 2021 entwickelte.

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Die Darstellung zeigt den Anteil der direkt mit Fussball-EM bezogenen Kontakten verbundenen Covid-Fälle in 12 Ländern, die an der EM teilnahmen, geordnet nach der Stärke des Effekts. Es zeigt sich, dass sich z.B. in England deutlich mehr Menschen infizierten als etwa in Tschechien. Die unterschiedlichen Effektstärken sind konsistent mit der Annahme, dass die Zahl der gespielten Spiele des Landes, der lokale R-Wert und die lokale Inzidenz die Gesamtzahl der Fälle pro Land (inklusive sekundärer Infektionen) bestimmt.

Bildquelle: Dehning et al., Nature Communications 2023 (CC BY 4.0)

Die Forschenden nutzten dafür die nach Geschlecht aufgeschlüsselten Fallzahlen, um den Beitrag der EM zum Infektionsgeschehen von anderen Faktoren zu unterscheiden, denn die Fußballspiele verfolgen mehr Männer als Frauen: Es sollten sich direkt nach Spielen also auch mehr Ansteckungen unter Männern als unter Frauen finden. Dieses Geschlechterverhältnis spiegelt sich in mehreren beteiligten Ländern in unterschiedlichen Infektionszahlen wider. Daraus berechnete das Team, wie viele Infektionen darauf zurückzuführen waren, dass Menschen gemeinsam die Spiele ansahen. 

Wie unterschiedlich sich die pandemischen Vorbedingungen auswirken, lässt sich gut am Beispiel von Tschechien und England verdeutlichen: So bestritt Tschechien bei der vergangenen Fußball-Europameisterschaft fünf Spiele. Doch trotz großer Fußballbegeisterung im Land kam es dort pro eine Million Einwohnern nur zu etwa 460 zusätzlichen Infektionen. Einen viel größeren Effekt hatte die EM in England. Dort steckten sich in der Folge rund 11.000 Menschen pro eine Million Einwohner mit dem Coronavirus an – das ist mehr als das Zehnfache! 

Dies lag dabei nicht an der größeren Anzahl von Spielen, da die englische Mannschaft bis zum Finale sieben Spiele absolvierte, sondern vielmehr an der völlig unterschiedlichen Ausgangssituation: In Tschechien gab es zum Zeitpunkt der EM nur vergleichsweise wenige Infektionen, in England hingegen waren die Fallzahlen schon zu Beginn der EM hoch. Auch die Reproduktionszahl, die angibt, wie viele Menschen eine infizierte Person ansteckt, war relativ groß. „In dieser Situation mit hohen Fallzahlen und hoher Reproduktionszahl hat das große Sportereignis das Infektionsgeschehen kräftig angekurbelt“, sagt Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen.

Daran kann man sehen, dass Infektionen keine Privatsache sind. Denn über solche Infektionsketten breitet sich das Virus auch in vulnerable Bevölkerungsgruppen aus

Viola Priesemann

Zu Ansteckungen kam es dabei offenbar weniger in den Stadien als vielmehr bei privaten Treffen, etwa in Pubs und Wohnungen, wo Menschen die Spiele gemeinsam anschauten. Das schließen die Forscher daraus, dass sich sowohl für den Ort als auch für das Land, wo das Spiel stattfand, kein signifikanter Effekt messen ließ, wohl aber für die an den Spielen beteiligten Länder. Und natürlich blieb es nicht bei den Infektionen an den Spieltagen – denn jede infizierte Person startete eine Infektionskette, über die sich den Modellrechnungen zufolge im Untersuchungszeitraum bis Ende Juli 2021 im Schnitt pro Virusträger weitere vier Menschen ansteckten. „Daran kann man sehen, dass Infektionen keine Privatsache sind“, sagt Viola Priesemann. „Denn über solche Infektionsketten breitet sich das Virus auch in vulnerable Bevölkerungsgruppen aus.“ 

Die Modellrechnungen werten die sprunghafte Erhöhung der Fallzahlen unter Männern relativ zu Frauen aus und berücksichtigen landesspezifische Parametrisierungen der Meldeverzögerung, um diese sprunghaften Anstiege einzelnen Spielen zuordnen zu können. Daraus ergaben sich für alle zwölf untersuchten Länder zusammen rund 840.000 zusätzliche Infektionen durch die EM. „Wenn vulnerable Gruppen geschützt werden sollen, sind bei einem großen Sportereignis Präventionsmaßnahmen nötig“, schließt Dr. Philip Bechtle vom Physikalischen Institut der Universität Bonn. 

Der Vergleich der Länder zeige klar, dass vor allem eine niedrige Inzidenz und eine niedrige Reproduktionszahl R die beste Grundlage dafür sind, Superspreading-Ereignisse durch Großveranstaltungen in einem überschaubaren Maß zu halten. „Masken, vermehrte Tests und Impfungen sowie vorausschauende Kontaktreduktion helfen zusätzlich, das Infektionsgeschehen einzudämmen“, sagt Bechtle, der auch Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich „Matter“ der Universität Bonn ist. Auf diese Weise könne die Belastung des stark beanspruchten Gesundheitssystems durch Großveranstaltungen bei zukünftigen Pandemien reduziert werden. 


Quelle: Universität Bonn

19.01.2023

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