Radiologie der Zukunft

Der Radiologe muss das Gesamtgebiet der bildgebenden Diagnostik überblicken

Interview mit Prof. Mathias Langer, Präsident des 94. Deutschen Röntgenkongresses

Prof. Dr. Mathias Langer
Prof. Dr. Mathias Langer

Sie haben dem Kongress das Motto „Radiologie ist Zukunft“ vorangestellt – welche Zukunft hat die Radiologie?

Die Radiologie wird in Zukunft in der gesamten klinischen Medizin eine zentrale Rolle einnehmen. Sie wird eine Schaltstelle sein für die korrekte Wegweisung des Patienten von der Diagnose zur optimalen Therapie. Ohne bildgebende Diagnostik ist eine Diagnose fast nicht mehr möglich – sei es in der inneren Medizin oder der Chirurgie, bei einer Tumorerkrankung oder einem Polytrauma.

Und welche Zukunft hat aus Ihrer Sicht der Radiologe?

Der Radiologe hat in seiner Ausbildung die gesamten bildgebenden Verfahren profunde gelernt. In Zukunft wird es innerhalb der Radiologie jedoch sicher eine Subspezialisierung geben, aber nicht im Sinne eines neuen Facharztes: Der Radiologe der Zukunft wird sich zu einem qualifizierten Ansprechpartner für die entsprechenden Fachdisziplinen entwickeln, der aber durchaus weiterhin in der Lage sein muss, das Gesamtgebiet der bildgebenden Diagnostik zu überblicken und die richtigen Verfahren zum richtigen Zeitpunkt mit der richtigen Indikation einzusetzen.

Welche Themen werden auf dem Kongress behandelt, die das Motto „Radiologie der Zukunft“ widerspiegeln?

Ein wichtiges Thema ist die Kernspintomographie, die es mit nichtinvasiven Verfahren in Zukunft ermöglichen wird, auf zellulärer Ebene den Tumor zu analysieren und zu klassifizieren. Die molekulare Bildgebung in vivo, das heißt bei einem Patienten und nicht im Labor, wird durch die Kernspintomographie ganz essenziell vorangetrieben werden.

Die Darstellung von Stoffwechselprozessen ist ein weiteres Thema. Die Kombination der morphologischen Bildgebung mit der Markierung des Stoffwechsels durch radioaktive Substanzen ist eine Zukunftsoption, die die Funktion des Tumors mit seiner Morphologie und seinem möglichen Ansprechen auf eine Therapie in einer Untersuchungssitzung ermöglichen wird.

Ein anderes wesentliches Themengebiet ist die Computertomographie. Sie ermöglicht beispielsweise, bei einem Unfallpatienten in kürzester Zeit einen kompletten Überblick nicht nur über das Ausmaß der Verletzung, sondern auch über den Schweregrad derselben zu erhalten. Zudem wird die kardiovaskuläre Diagnostik in der Notfalldiagnostik eine wesentlich größere Rolle spielen, denn ein Verdacht auf Herzinfarkt mit einer etwas unsicheren klinischen Konstellation, die nicht soforteine kardiologische Intervention rechtfertigt, wird in Zukunft sicher in der CT als erster diagnostischer Station untersucht werden.

Steht der Referent der Röntgenvorlesung schon fest?

Ja! Wir konnten Prof. Joseph Schoepf von der Medical University of South Carolina in Charleston für die Röntgenvorlesung gewinnen. Er ist ausgewiesener Radiologe auf dem Themengebiet der kardio-thorakalen Bildgebung. In seinem Vortrag wird er über kardiale Notfallradiologie sowie über Notfalldiagnostik im vaskulären Bereich sprechen. Prof. Schoepf wird zeigen, wie stark in Zukunft die Radiologie mit ihren bildgebenden Verfahren einerseits die Versorgung der Patienten beschleunigen und andererseits die Invasivität des Eingriffs senken kann.

Erstmals kann auf dem Röntgenkongress ein europäisches Diplom erworben werden – welche Möglichkeiten bietet es?

Zum ersten Mal werden die Kollegen und Kolleginnen, die bereits das fünfte Weiterbildungsjahr hinter sich haben, auf dem Deutschen Röntgenkongress die Prüfung für das „European Diploma of Radiology“ ablegen können. Für die Absolventen bietet das Diplom die Möglichkeit, sich innerhalb Europas flexibler zu bewegen. Zudem wird es sicher auch bei der Bewerbung um qualifizierte Stellen ein Kriterium sein, an dem sich Auswahlkommissionen orientieren werden. In Deutschland können angehende Radiologen diese Prüfung künftig ab dem fünften Weiterbildungsjahr absolvieren; nach dem Bestehen der nationalen Facharztprüfung wird ihnen das Diplom überreicht. Dass das eine sinnvolle Ergänzung zum deutschen Facharzt darstellt und nicht etwa eine Schwächung desselben bedeutet, zeigt die Erfahrung der Kollegen der Anästhesiologie, die das European Diploma bereits seit Langem eingeführt haben.

Vielen Dank für das Gespräch!


Im Profil

Der in Frankfurt geborene Prof. Dr. Mathias Langer promovierte 1977 an der Universität zu Köln. Im Anschluss erhielt er von der DFG ein Forschungsstipendium in physiologischer Chemie. 1981 absolvierte er einen Forschungsaufenthalt an der Harvard Medical School. Leitender Oberarzt an der Strahlenklinik der FU Berlin wurde er 1984, im Jahr darauf erfolgte die Habilitation für das Fach Radiologie. 1989 wurde Langer zum Universitätsprofessor ernannt und auf den Lehrstuhl für Radiologie der Universitätsklinik Jena berufen. Seit 1992 ist er Ordinarius, ärztlicher Direktor und Prorektor für Forschung und Medizin der Klinik für Radiologie am Universitätsklinikum Freiburg. 2013 übernahm Prof. Dr. Langer das Amt des Kongresspräsidenten des 94. Deutschen Röntgenkongress.


Fünf Themenschwerpunkte – fünf Kommentare: Prof. Langer erläutert seine Auswahl für den 94. Deutschen Röntgenkongress

Image-Fusion: alle Dimensionen in einem Bild

Image-Fusion ist ein zentrales Thema dieses Kongresses, weil es heute weitestgehend undenkbar ist, dass man mit nur einem bildgebenden Verfahren eine Erkrankung hinreichend darstellen kann. Zurzeit werden viele dieser Untersuchungsverfahren synchron nebeneinander auf verschiedenen Monitoren oder auf einem mehrfach geteilten Monitor dargestellt und analysiert. Für die qualifizierte Darstellung und Vermittlung der Untersuchungsergebnisse ist es jedoch sinnvoll, dass diese Bilder in ein Bild überführt werden, das letztendlich mehr sein muss als die reine Zusammenlegung verschiedener Bilder durch Addition von Grauwerten und Farbskalen. Zukunftsvision ist die funktionelle Darstellung eines Tumors mit der Perfusion, dem Sauerstoffverbrauch und der zellulären Aktivität in einem Bild, um den momentanen Istzustand des Tumors abzubilden. Heutzutage ist es schon möglich, aber noch nicht etabliert, dass Bilder des Kernspins, der CT und des Ultraschalls derart fusioniert werden, dass man in einem dieser diagnostischen Verfahren einen Tumorherd lokalisiert und in einem anderen Verfahren die Intervention durchführt, obwohl der Tumor in diesem gar nicht zu sehen ist.

Notfallradiologie: schnell und qualifiziert

Die Notfallradiologie wird im Themenbereich der Gesamttraumatologie und der kardiovaskulären Medizin behandelt werden. Dazu kommen die Akut-Erkrankungen: Wenn zum Beispiel ein Schlaganfallpatient ins Krankenhaus kommt, muss der Radiologe die adäquate schnelle Diagnostik eines entsprechenden zerebralen Durchblutungsversagens leisten, das dann entweder durch interventionelle Maßnahmen aus der Neuroradiologie oder im Rahmen der Intensivstationsbehandlung mit systemischer Thrombolyse behandelt werden kann. Das kann nicht nur in hochspezialisierten Zentren mit einer hochqualifizierten Neuroradiologie geschehen, sondern muss auch in den Notfallszenarien eines Krankenhauses, das einen Neuroradiologen lediglich „on call“ hat, vom allgemeinen Radiologen geleistet werden. Im kardiovaskulären Bereich sind die Aortendissektion, der Aortenverschluss, die akute Ruptur der Aorta und der periphere Gefäßverschluss die Themen von Interesse.

Kosten-Nutzen-Analyse: die Quadratur des Kreises

Jeder Radiologe arbeitet tagtäglich unter dem Gesichtspunkt „Kosteneffizienz“: Er soll möglichst sichere Diagnosen zu einem möglichst günstigen Preis erstellen, gleichzeitig aber auch die diagnostische Qualität gewährleisten. Das ist die Quadratur des Kreises, der wir uns aber stellen müssen. Deshalb müssen wir entsprechende Kosten-Nutzen-Analysen haben. Nur ein Beispiel: Wenn ein Patient aufgrund einer nicht verfügbaren radiologischen Diagnostik zwei, drei oder vier Tage länger im Krankenhaus verweilt, bis eine Therapie eingeleitet werden kann, ist der Kostenfaktor für das Krankenhaus summa summarum um ein Vielfaches höher, als wenn der Patient am ersten Tag sofort diagnostiziert ist und dann therapiert in der entsprechenden Zeit das Krankenhaus wieder verlassen kann.

Kosten-Nutzen-Analysen sind auch für radiologische Abteilungen wichtig. Die Organisationsformen einer Radiologie müssen so sein, dass die Großgeräte in den verfügbaren Zeiten real ausgelastet sind und keine Leerzeiten entstehen. Das Kongressprogramm wird mit erfahrenen Senior-Members aus der Industrie bestückt werden, die Expertise und Erfahrung für diese organisatorischen Herausforderungen und strategischen Prozesse mitbringen. Es sollen auch ökonomische Aspekte aus dem Bereich der Verwaltung betrachtet werden, die leider häufig die Radiologie nur als Kostenfaktor im Gesundheitswesen ansehen.

Onkologische Bildgebung: neue Einblicke in den Tumor

Die Bildgebung nimmt sowohl bei Primärdiagnostik und Staging als auch bei der Verlaufskontrolle onkologischer Erkrankungen eine zentrale Rolle ein. Dabei ist besonders in der Kernspintomographie durch den Einsatz neuer Sequenzprotokolle und der Spektroskopie und bei Kontrastmitteln eine Weiterentwicklung zu erkennen. Hier wird auf molekularer Ebene durch Analyse der molekularen Verteilung und der Stoffwechselvorgänge unter Hinzuziehung adäquater Tracer der Tumorstoffwechsel dargestellt. Änderungen und Beeinflussungen dieses Stoffwechsels durch therapeutische Maßnahmen werden in Zukunft mittels der Kernspintomographie und der kombinierten Untersuchung der MR-PET dargestellt werden und können somit die gesamte therapeutische Strategie wesentlich beeinflussen.

MTRA: positive Zukunftsperspektiven für abwechslungsreichen Job

Die MTRA werden gerade in den Kontexten „Notfallradiologie“, „Image-Fusion“ und „onkologisches Imaging“ viele technisch orientierte Vorträge im Programm finden, die zeigen, dass das Berufsbild der MTRA nicht nur extrem abwechslungsreich, sondern auch extrem interessant ist. Darüber hinaus ist die Zukunftsperspektive dieses Berufs sehr positiv, da wir einen Mangel an ausgebildeten Fachkräften haben. Die aufwendigen und hoch spezialisierten Interventionen sowohl in der interventionellen Radiologie als auch im Bereich von CT oder Ultraschall erfordern zunehmend qualifiziertes medizinisch-technisches Assistenzpersonal. Im Rahmen des Themas „Kosten-Nutzen-Analyse“ werden wir auf die zunehmende Arbeitsbelastung eingehen.


Der 94. Deutsche Röntgenkongress wird 2013 über Fronleichnam stattfinden!
 Merken Sie sich den Termin bereits jetzt vor: 29. Mai bis 1. Juni 2013 im CCH Hamburg.

 

 

29.10.2012

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