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News • Studie zu akuter Verwirrtheit

Delir nach Herzeingriff: Die Rolle der Prävention

Bonner Forschende identifizieren Delir als eine häufige, aber unzureichend beachtete Komplikation in der Herzmedizin

Prävention kann dagegen die Delirhäufigkeit um bis zu 40% senken. Die Übersichtsarbeit unter Federführung des Universitätsklinikums Bonn (UKB) wurde nun im European Heart Journal veröffentlicht und liefert systematische Präventionsstrategien und innovative Therapieempfehlungen. 

Ein Delir ist ein plötzlich auftretender Zustand akuter Verwirrtheit, bei dem Betroffene desorientiert, aufmerksamkeitsgestört und wahrnehmungsverändert sind – oft mit Halluzinationen oder Schlafstörungen. In der Herzmedizin ist dies eine der häufigsten, aber zugleich am meisten unterschätzten Komplikationen. Besonders ältere Patientinnen und Patienten nach herzchirurgischen oder interventionellen Eingriffen sind betroffen. 

Delirium ist kein Randproblem, sondern eine der zentralen Komplikationen moderner Herzmedizin

Georg Nickenig

Eine neue internationale State-of-the-Art-Übersichtsarbeit unter Beteiligung führender Kardiologen, Herzchirurgen, Intensivmediziner und Psychiater kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Delir geht weit über eine vorübergehende Verwirrtheit hinaus. Es ist mit längeren Intensiv- und Krankenhausaufenthalten, erhöhter Sterblichkeit, höherer Rate an Pflegebedürftigkeit und einem deutlich erhöhten Risiko für dauerhafte kognitive Einschränkungen assoziiert. Zudem ist Delir ein unabhängiger Prädiktor für langfristigen geistigen Abbau – selbst bei zuvor kognitiv unauffälligen Personen. 

Je nach Eingriff und Erhebungsmethode entwickelt eine relevante Anzahl der Patientinnen und Patienten ein Delir. Gerade komplexe herzchirurgische Eingriffe, aber auch interventionelle Verfahren wie TAVR oder PCI sind keineswegs frei von Risiko, insbesondere bei hochbetagten und vorerkrankten Personen. Deswegen ist für den Bonner Kardiologen und Co-Letztautor der Studie, Prof. Dr. Dr. Enzo Lüsebrink, sowie den Direktor der Klinik für Kardiologie am UKB, Prof. Dr. Georg Nickenig, klar: „Delirium ist kein Randproblem, sondern eine der zentralen Komplikationen moderner Herzmedizin“. 

Vier Mediziner stehen und sitzen für ein Teamfoto um eine rote Couch herum
Prof. Dr. Alexandra Philipsen (vorne links), Prof. Dr. Dr. Enzo Lüsebrink (vorne rechts), Dr. Dr. David H.V. Vogel (hinten links) und Endrit Cekaj (hinten rechts) identifizieren Delir als eine häufige, aber unzureichend beachtete Komplikation in der Herzmedizin. Sie geben Präventionsstrategien und Therapieempfehlungen.

Bildquelle: Herzzentrum am UKB / Felix Heyder

Trotz dieser klinischen Relevanz wird Delir in der kardiovaskulären Praxis häufig nicht erkannt. Insbesondere die sogenannte hypoaktive Form – gekennzeichnet durch Apathie, reduzierte Aktivität und Teilnahmslosigkeit – bleibt oft unerkannt und wird fälschlich als altersbedingt oder als Erschöpfung interpretiert. „Validierte und standardisierte Screening-Instrumente wie die Confusion Assessment Method, kurz CAM, mit entsprechender Erweiterung für die Intensivstation, die schnell und zuverlässig einsetzbar sind, werden im klinischen Alltag jedoch noch viel zu selten routinemäßig angewendet“, sagt Co-Erstautor Endrit Cekaj, Assistenzarzt an der Klinik für Kardiologie am UKB. 

Eine zentrale Erkenntnis der Übersichtsarbeit: Die wirksamste Strategie gegen Delir ist die Prävention. Multimodale, nicht-medikamentöse Maßnahmen – darunter frühe Mobilisation, Reorientierung, Schlafhygiene, kognitive Stimulation, ausreichende Schmerztherapie und die Einbindung von Angehörigen – können das Auftreten eines Delirs um bis zu 40% senken. Den routinemäßig prophylaktischen Einsatz von Medikamenten bewertet die Studie hingegen kritisch. 

Wir können unsere Patientinnen und Patienten medizinisch erfolgreich am Herzen behandeln. Aber wenn wir Delir nicht systematisch erkennen und verhindern, riskieren wir langfristige Schäden am Gehirn der Betroffenen

Alexandra Philipsen

„Wir zeigen zusätzlich klar auf, dass Delir auch dann nicht schicksalhaft hingenommen werden muss, wenn es trotz konsequenter Prävention auftritt“, sagt Co-Erstautor Dr. Dr. David H.V. Vogel, Leiter der Forschungsgruppe „Experimentelle Psychopathologie“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKB. Auf Grundlage der aktuellen Evidenzlage und eines interdisziplinären Expertenkonsenses formulieren die Autorinnen und Autoren strukturierte Behandlungsansätze, die sich an Schweregrad, klinischem Setting und Delir-Subtyp orientieren. 

Im Mittelpunkt stehen dabei weiterhin nicht-pharmakologische Maßnahmen. Diese bilden die therapeutische Basis in allen Schweregraden. Ergänzend werden – bei klinischer Notwendigkeit – pharmakologische Optionen differenziert dargestellt. Insbesondere in intensivmedizinischen zeigt sich ein Nutzen von dem Sedativum Dexmedetomidin bei moderatem bis schwerem Delir. Antipsychotische Substanzen können situations- und symptomorientiert eingesetzt werden, wobei Nutzen und potenzielle kardiale Nebenwirkungen sorgfältig abzuwägen sind. 

„Entscheidend ist ein strukturiertes, abgestuftes Vorgehen“, erklärt Prof. Lüsebrink. „Unsere Arbeit zeigt, dass es auch im kardiovaskulären Setting evidenzbasierte und klinisch praktikable Behandlungsstrategien gibt – vorausgesetzt, Delir wird früh erkannt und interdisziplinär behandelt.“ Co-Letztautorin Prof. Dr. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKB, erklärt, warum die ganzheitliche Sicht von so großer Bedeutung ist: „Wir können unsere Patientinnen und Patienten medizinisch erfolgreich am Herzen behandeln. Aber wenn wir Delir nicht systematisch erkennen und verhindern, riskieren wir langfristige Schäden am Gehirn der Betroffenen. Delirprävention muss deshalb ein fester Bestandteil der kardiovaskulären Versorgung werden.“ 

Trotz wachsender Erkenntnisse bleibt die Evidenz speziell für kardiovaskuläre Patientenkollektive begrenzt. Die Autorinnen und Autoren fordern daher gezielte, prospektive Studien, um spezifische Leitlinien für Prävention und Therapie zu entwickeln. 


Quelle: Universitätsklinikum Bonn 

23.02.2026

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