Quelle: Pexels/Negative Space

Verhaltensforschung

Sucht: Was geschieht im Gehirn?

Glücksspiele, Pornos oder Shopping können Süchte auslösen. Was die Forschung darüber weiß, diskutieren 300 führende Wissenschaftler aus aller Welt auf der International Conference on Behavioral Addictions (ICBA).

Sie findet erstmals in Deutschland statt und wird organisiert durch Prof. Dr. Matthias Brand von der Universität Duisburg-Essen (UDE) und Prof. Dr. Dr. Astrid Müller von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Prof. Brand leitet das UDE-Fachgebiet „Allgemeine Psychologie: Kognition“ mit dem Forschungszentrum CeBAR (Center for Behavioral Addiction Research).

Über Botenstoffe aktiviert das Verhalten das Belohnungssystems und löst so starke Glücksgefühle aus, die wieder und wieder erlebt werden wollen

Matthias Brand

Exzessives Verhalten ist problematisch für die Betroffenen und ihre Angehörigen, sei es unkontrolliert im Internet zu spielen oder Soziale Medien zu nutzen, kauf- oder sexsüchtig zu sein. Prof. Brand: „All dies hat in den letzten Jahren stark zugenommen, schließlich sind die entsprechenden Angebote jederzeit online verfügbar. Deshalb befasst sich jetzt auch die psychologische Grundlagen- und klinische Forschung damit. Wir diskutieren in Köln, wie Verhaltenssüchten vorgebeugt oder wie sie therapiert werden können.“ Verhaltenssüchtig ist man, wenn man bestimmte substanzungebundene Tätigkeiten (Glücksspiel, Online-Rollenspiele, soziale Medien, Shopping, Porno) exzessiv ausführt und dies zum Problem für die Betroffenen und deren Angehörige wird. Obwohl die Betroffenen negative Folgen erleben – wie z. B. familiäre Konflikte, Probleme in der Schule, bei der Ausbildung, im Beruf, oder auch Verschuldung – können sie nicht aufhören.  

Doch was passiert im Gehirn? Prof. Brand: „Das hängt mit dem unwiderstehlichen, schwer oder gar nicht kontrollierbaren Drang zusammen, die jeweilige Aktivität auszuführen. Er wirkt im Hirn der Betroffenen ähnlich wie Alkohol oder andere Drogen: Über Botenstoffe aktiviert das Verhalten das Belohnungssystems und löst so starke Glücksgefühle aus, die wieder und wieder erlebt werden wollen.“

woman online shopping credit card
Quelle: Pexels/bruce mars

Die Risiken einer zunehmenden Digitalisierung des Alltagslebens sind zentral auf der Tagung. Prof. Brand: „Die große Anzahl von Beiträgen zu internetbezogenen Störungen zeigt ganz klar, dass dieses Thema die internationale Forschungsgemeinschaft stark bewegt." Etwa eine Mio. erwachsene Deutsche leiden unter einer Form von Internetsucht. Ein besseres Verständnis der Verhaltenssüchte und daraus abgeleiteter Therapien erfordert disziplinübergreifende Forschung: „Viele Konferenzbeiträge wurden gemeinsam von Medizinern, Psychologen, Neurowissenschaftlern und Therapeuten eingereicht“, betont Müller und ergänzt: „Die Vielzahl der vorgestellten klinischen Studien zeigt auch, dass Verhaltenssüchte längst in der Praxis angekommen sind. Der Ausbau des Hilfesystems ist dringend erforderlich.“ Sie spricht sich dafür aus, die Problematik der Verhaltenssüchte ausgewogen zu betrachten: „Überpathologisierung und Hysterie sind unangemessen; wenngleich das Problem nicht verharmlost werden darf, damit den Betroffenen auch geholfen werden kann“.

Auch Sport kann süchtig machen

man running on asphalt road
Quelle: Pexels/kinkate

Auf dem Kongress werden deshalb auch die Behandlungsmöglichkeiten besprochen, z.B. erfolgsversprechende Ansätze in der Psychotherapie. Weitere Themen sind Sportsucht und suchtartiges Essverhalten (Food Addiction). „Dies wird ja durchaus kontrovers diskutiert. Interessant ist beispielsweise, wie häufig eine reine Sportsucht völlig unabhängig von einer Essstörung auftritt. Ob bestimmte Nahrungsmittel ähnlich abhängig machen können wie Drogen, wird ebenfalls auf dem Kongress besprochen.“, bemerkt Müller.


Quelle: Universität Duisburg-Essen

23.04.2018

Mehr aktuelle Beiträge lesen

Verwandte Artikel

Photo

Orientierungssinn

Wenn Alter und Krankheit am Kompass rütteln

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und wo befinden wir uns eigentlich in diesem Moment? Antworten darauf liefert unser räumlicher Orientierungssinn – ein komplexes Zusammenspiel verschiedener…

Photo

Neurowissenschaft

Mutation, die Autismus verursacht, macht Gehirn unflexibel

Etwa 1% der Patienten mit Autismus-Spektrum-Störung und geistiger Behinderung haben eine Mutation in einem Gen namens SETD5. Wissenschaftler haben nun entdeckt, was auf molekularer Ebene passiert,…

Photo

Neurologische Erkrankungen

Mikroglia: kleine Zellen, die es in sich haben

Lange wurden Mikroglia unterschätzt – doch inzwischen weiß man, dass die kleinen Nervenzellen im Gehirn viel mehr sind als Helfer der Immunabwehr: „Mikrogliazellen übernehmen eine zentrale…

Verwandte Produkte

Eppendorf - Mastercycler nexus X2

Research use only (RUO)

Eppendorf - Mastercycler nexus X2

Eppendorf AG
SARSTEDT - Low DNA Binding Micro Tubes

Research use only (RUO)

SARSTEDT - Low DNA Binding Micro Tubes

SARSTEDT AG & CO. KG
Shimadzu - CLAM-2000

Research use only (RUO)

Shimadzu - CLAM-2000

Shimadzu Europa GmbH