Strahlenschutz

Der Samstagnachmittag der MTRA-Fortbildung ist dem Strahlenschutz gewidmet. Für die radiologia bavarica gibt Prof. Dr. Dr. Reinhard Loose, Vorsitzender der Sitzung und Chefarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Klinikum Nürnberg Nord, einen Überblick über die wichtigsten Änderungen und Trends im Bereich Strahlenschutz.

Schutzkleidung, die aus einem Oberteil und einem Rock besteht, entlastet die...
Schutzkleidung, die aus einem Oberteil und einem Rock besteht, entlastet die Schulter und bietet einen doppelten Strahlenschutz im Bauchraumbereich. Bildrechte: Mavig

Herr Prof. Loose, was gibt es Neues bei den Regelungen des Strahlenschutzes?

Loose: Die Europäisch Union hat aufgrund der Vorschläge der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP) die Basic Safety Standards (BSS) für Personal und Patienten upgedatet. Es handelt sich hierbei zwar noch um einen Entwurf, die geltenden beruflichen Strahlenschutzregeln sind aber weitestgehend bestätigt. Generell wird dem Schutz der Augenlinse eine höhere Bedeutung beigemessen und das Arbeitsverbot für Schwangere in der Nuklearmedizin soll aufgehoben werden, sofern sie ein Dosimeter tragen und die Strahlenbelastung bis zur Geburt unter 1 mSv bleibt. Im wirklichen Leben sollte der Einsatz allerdings nur mit Zustimmung der Betroffenen erfolgen. In der Praxis dürfte es dann ablaufen wie beim MRT: theoretisch dürfen Schwangere dort arbeiten, aber sie werden nicht eingesetzt, außer in sehr sicheren Abschnitten des Arbeitsbereichs. Etwas anders sieht es beim Strahlenschutz für Patienten aus. Zukünftig soll nicht nur der Radiologe über den Strahlenschutz und sinnvolle Untersuchungen entscheiden, sondern auch der anfordernde Arzt, um die Anforderung von unsinnigen Untersuchungen zu vermeiden. Zudem soll – so der Plan - die Strahlendosis des Patienten nicht mehr nur intern aufgezeichnet werden sondern integraler Bestandteil des Befundes sein. Das führt möglicherweise zu einem negativen Benchmarking, weil Patienten verstärkt zu Kollegen mit der geringsten Strahlendosis geschickt werden könnten. Der gravierendste Änderungsvorschlag bezieht sich jedoch auf die präventive Untersuchung bei asymptomatischen Menschen, die zukünftig erlaubt sein soll. Ähnlich wie heute beim Mamma-Screening können Patienten dann ohne Symptome auf ein Lungen- oder Darmkarzinom untersucht werden, sofern der Patient vom zuweisenden Arzt und Radiologen ausreichend über Nutzen und Risiken informiert wurde. Deutschland hat allerdings in diesem Entwurf, dass eine solche Untersuchung neben den Leitlinien der wissenschaftlichen Fachgesellschaften auch nationalen behördlichen Regelungen entsprechen muss, in der Hand, wie diese EU-Direktive praktisch umgesetzt wird.

Wie sieht es mit deriterativen Rekonstruktion in der CT aus, kann man inzwischen von einer wachsenden Akzeptanz sprechen?

Fast alle CT-Hersteller bieten dieses Verfahren an, aber die Radiologen tun sich weiterhin schwer damit. Aus Befragungen weiß ich, dass viele Kollegen die Bilder als „gefaket“ und unnatürlich beurteilen, bei genauerer Betrachtung später aber zugeben, alles zu sehen und sogar noch mehr als bei Standard-Rekonstruktionen zu erkennen. Die iterative Rekonstruktion ist eine Gewohnheitsfrage der Bildbetrachtung. Man muss sich umstellen, ähnlich wie vom Film auf die Digitale Radiographie. Im Hinblick auf den Strahlenschutz ist das Verfahren eindeutig besser: Studien gehen im Mittel von ca. 40 Prozent weniger Dosis bei gleicher Bildqualität aus. Neben den höheren Anschaffungskosten liegt die Limitation derzeit vor allem in der Geschwindigkeit des Verfahrens. Wenn man sehr viele Schichten in kurzer Zeit erzeugen muss, wie etwa beim Polytrauma, ist die iterative Rekonstruktion zu langsam. Aber sie eignet sich hervorragend für alle geplanten Untersuchungen, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Sicherlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Rechner die Datensätze schneller als bisher generieren können.

Welche neuen Schutzmöglichkeiten gibt es für die Kollegen in der Interventionellen Radiologie?

Auf dem Kongress der Cardiovascular and Interventional Radiological Society of Europe (CIRSE) im September in Barcelona wurden besonders einzelne Schutzmaßnahmen für die Augenlinsen als Brennpunktthema vorgestellt. Den größten Effekt bietet die Bleiglasscheibe, hinter der der interventionelle Radiologe steht, der direkt am Patienten arbeitet. Wie schon im Röfo publiziert, reduziert sich die Dosis um den Faktor sechs bis zehn. Allerdings besteht diese Protektion nicht für den assistierenden Radiologen und die MTRA, sie schützen sich durch den größeren Abstand und die Bleiglasbrille, die die Strahlung um ca. den Faktor 2 reduziert und deren Benutzung standardmäßig empfohlen wird. In der Radiologie sind diese Schutzmaßnahmen auch gut umzusetzen, schwieriger wird es im OP, weil es dort in der Regel keine Bleiglasscheibe gibt und der Strahlenschutz generell schwieriger umzusetzen ist, wenn rundherum operiert wird. Auch bei biplanen Anlagen gestaltet sich der Strahlenschutz schwieriger als bei monoplanen. Bei zwei Röhren und zwei Detektoren – wie sie in der Kardiologie und der Neuroradiologie zum Einsatz kommen – kann immer nur die nächste Röhre konkret abgeschirmt werden und die andere in eine Position gefahren werden, in der die Strahlenexposition möglichst gering ist.

Last but not least, welche Trends gibt es bei der Strahlenschutzbekleidung?

Für die tägliche Arbeit im radiologischen Kontrollbereich ist nach wie vor Mindestvoraussetzung eine ganzteilige Schürze, die vorne geschlossen sein sollte. Durch das Überlappen der beiden Schürzenteile verdoppelt sich der Strahlenschutz in diesem Bereich von standardmäßig 0,25 mm Bleiäquivalent auf 0,5 mm. Bei den Mitarbeitern, die primär über viele Stunden interventionell arbeiten, besteht bei diesen Schürzen das Problem, dass das komplette Gewicht auf den Schultern lastet. Unsere Klinik in Nürnberg hat deshalb seit langem zweiteilige Schutzkleidung eingeführt, bestehend aus einem Rock und einem Oberteil, wodurch die Schultern entlastet werden. Ein weiterer positiver Effekt besteht besonders für junge Mitarbeiterinnen in dem vierfachen Strahlenschutz des Bauchraums. Durch die vorderseitige Überlappung von Rock und Oberteil und die zusätzliche doppelte Abdeckung durch Rock und Oberteil in Bauchhöhe ergibt sich ein Strahlenschutz an dieser Stelle von 1 mm Bleiäquivalent, der ideal ist. Trotz nur geringer Mehrkosten haben sich
diese Kostüme leider noch nicht überall durchgesetzt. Und weil die Schutzbedürftigkeit der Schilddrüse höher angesetzt wird, sollte man auch konsequent einen Schilddrüsenschutz anlegen.

Im Profil:
Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Dipl.-Phys. Reinhard Loose trat seine Stelle als Chefarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Klinikum Nürnberg-Nord im Jahr 1996 an. Seine medizinische Laufbahn begann 1985 am Institut für Klinische Radiologie der Universität Mannheim. Prof. Loose studierte und promovierte in den Fächern Physik und Humanmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen und an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg-Mannheim. Schon damals war er am Thema „Strahlenschutz“ interessiert. Heute engagiert er sich unter anderem in der Strahlenschutzkommission SSK des Bundesministeriums für Umwelt und im Subcommittee „Radiation Protection“ der European Society of Radiology (ESR). Bis 2012 war Loose 1. Vorsitzender der Bayerischen Röntgengesellschaft. Er war 2006 Kongresspräsident des Deutschen Röntgenkongresses, wurde von der DRG mit der Albers-Schönberg-Medaille (2004) und dem Felix-Wachsmann-Preis (2006) ausgezeichnet.
 

17.10.2013

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