Qualität statt Leistungsmenge honorieren

Experten diskutieren auf dem DKOU über aktuelle Entwicklungen des Gesundheitssystems

280 Milliarden Euro stehen jährlich für die Gesundheitsversorgung in Deutschland zur Verfügung. Doch bei der Verteilung läuft vieles am Patienten vorbei.

Photo: Qualität statt Leistungsmenge honorieren

Krankenkassen, medizinische Einrichtungen, Ärzte und Politiker kämpfen einerseits um das Wohl des Patienten. Andererseits sind sie einer zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitssystems unterworfen: Das Gesundheitswesen wird zur Gesundheitswirtschaft, das Krankenhaus zur Produktionsstätte, Patienten werden zu Kunden. Wie eine solche Entwicklung Vertrauen sowie Versorgungsqualität der Patienten schädigt und was Ärzte und Fachgesellschaften tun, um eine optimale Versorgung sicherzustellen, diskutieren Orthopäden und Unfallchirurgen gemeinsam mit Professor Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer und Vertretern aus Politik, Ärzteschaft und Krankenkassen auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) am 24. Oktober 2012 in Berlin.

Zielvereinbarungen, inklusive individueller zusätzlicher Bonuszahlungen, nehmen inzwischen etwa bis zu 55 Prozent des Vertrages zwischen leitendem Arzt und Klinikträger ein. Die zusätzlichen Zahlungen sollen Ärzte zu mehr Leistungen motivieren und damit die Gewinne des Krankenhauses steigern. Diskussionen um unnötige Operationen, die diese Boni stützen, verunsichern seit einiger Zeit die Öffentlichkeit. „Statt ausschließlich der Leistungsmenge muss die Leistungsqualität der ärztlichen Tätigkeit honoriert werden“, fordert Dr. med. Andreas Gassen Vizepräsident des Berufsverbands der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU). Dafür sei eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung, die Patienten in die Entscheidungsfindung einbezieht, besonders wichtig. Dies erfordere jedoch mehr Zeit für die Behandlung und Beratung. „Die ärztliche Beratung und die persönliche ärztliche Leistung sind jedoch dramatisch unterfinanziert“, kritisiert Gassen.

Neben Bonuszahlungen erschweren vor allem Budget- und Leistungskürzungen eine angemessene und individuelle Behandlung. Die Konsequenz: Der Mangel an Versorgung, Vorsorge und Ärzten nimmt stetig zu. „Wir müssen die Gesellschaft daher dringend davon überzeugen, wie wichtig Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennung sind. Nur so kann das Gesundheitssystem unnötige Ausgaben einsparen“, erläutert Professor Dr. med. Josten, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Auch das umstrittene Fallpauschalensystem setze mit seiner Politik der Mindestmengen nicht auf Qualität, sondern auf Profit. Das gehe auf Kosten der Patienten, des medizinischen Fachpersonals und schließlich der Kostenträger.

Es ist jedoch auch wichtig, Kritik am Gesundheitssystem differenziert vorzunehmen. Denn weitreichende Initiativen der medizinischen Fachgesellschaften steigern jenseits des gesetzlichen Auftrags die Versorgungsqualität in Deutschland. „Projekte zur Qualitätssicherung wie das Endoprothesenregister oder das neue Zertifizierungskonzept EndoCert stellen wertvolle Instrumente für eine künftig bessere Endoprothesen-Versorgung auf“, ergänzt Professor Dr. med. Wolfram Mittelmeier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC). „Wenn Komplikationen über derartige Konzepte weiter reduziert werden, und bessere Medizinprodukte mit langer Haltbarkeit bezahlbar bleiben, können Behandlungserfolge nachhaltig verbessert werden. Durch weniger Bürokratie könnten Kosten eingespart werden – zugunsten der Patienten“. Den Nutzen dieser Initiativen erkannte auch das Bundesministerium für Gesundheit und fördert das Endoprothesenregister aktuell mit 330.000 Euro, um den sofortigen Start zu gewährleisten.

Diese Qualität gilt es nachhaltig zu sichern und aktuelle Entwicklungen, die diese gefährden, zu bekämpfen. Wie viel Qualität sich Deutschland jedoch leisten kann und wo das Gesundheitssystem an seine Grenzen stößt, diskutieren Orthopäden und Unfallchirurgen gemeinsam mit Professor Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, Johannes Singhammer, stellvertretendem Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag für die Bereiche Gesundheit, Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutzaus sowie Jürgen Malzahn vom AOK-Bundesverband am 24. Oktober 2012 anlässlich des DKOU in Berlin.

Terminhinweise:

DKOU-Podiumsdiskussion: „Wie viel Qualität können wir uns leisten?“
Termin: Mittwoch, 24. Oktober 2012, 09.30 bis 11.00 Uhr
Ort: Messe Berlin, Saal 10 (Eingang Halle 17)

Kongress-Pressekonferenz „Qualität – Wie viel ist notwendig – Wie viel wird finanziert?“
Termin: Mittwoch, 24. Oktober 2012, 11.00 bis 12.00 Uhr
Ort: Messe Berlin, Funkturmlounge (Eingang Halle 17)


Vorträge auf dem Kongress:

Qualitätsindikatoren in der klinischen Praxis
Termin: Mittwoch, den 24. Oktober 2012, 7.45 bis 9.15 Uhr
Ort: Saal 10, Messe Berlin (Eingang Halle 17)
 

23.10.2012

Mehr aktuelle Beiträge lesen

Verwandte Artikel

Photo

Willkommen in der neuen Realität

„Alle reden immer von der Wirtschaftskrise. Das ist keine Krise, sondern die neue Realität“: Davon ist der griechische Gesundheitsminister Spyridon-Adonis Georgiades überzeugt.

Photo

Innovative Wundversorgung verkürzt Liegezeiten

Auf dem 4. Beschaffungskongress der Krankenhäuser am 6./7. Dezember 2012 im Hotel de Rome in Berlin diskutierten Einkäufer, Gesundheitsökonomen, Verwaltungsdirektoren und Juristen über die…

Photo

Weltgesundheitsgipfel 2011

Vom 23. - 26.Oktober findet der internationale Weltgesundheitsgipfel 2011 an der Charité in Berlin statt. Unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel und des französischen…