Bildquelle: Shutterstock/Zyn Chakrapong

Projekt "DigitalRadar"

Messung des digitalen Reifegrades deutscher Krankenhäuser nimmt Fahrt auf

Rund 500 Teilnehmer – die hohe Zahl in der Ferienzeit unterstrich die Bedeutung dieses Themas für Krankenhäuser und Anbieter der Gesundheits-IT. Mit einem „Deep dive“ brachten Health Innovation Hub (HIH) und HIMSS im August Klarheit zum letzten Puzzleteil des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) – die Messung des digitalen Reifegrades laut §14b. Vertreter des Konsortiums der Modellentwicklung, Verantwortliche des Gesundheitsministeriums und beteiligte Praktiker stellten sich der Diskussion.

Bericht: Michael Reiter

Eigentlich sollte die erste Reifegradmessung im Juni starten – nach verspäteter Projektvergabe wird nun mit dem Beginn im Oktober gerechnet, so lautete eine der zentralen Botschaften des Webinars. Informationen zu Struktur und Kriterien des Modells sowie zu Vorgaben für die Umsetzung in den Krankenhäusern präsentierten Prof. Dr. Sylvia Thun, „DigitalRadar“-Projektleiterin, Jörg Studzinski, HIMSS Europe, sowie Alexander Geissler, Universität St. Gallen und Stellvertretender Projektleiter, DigitalRadar. 

IT ist kein Selbstzweck, betonte einführend Ecky Oesterhoff, „Director Hospital Care“ beim HIH. Daher rührt auch die Forderung der Macher des KHZG, Transparenz zu Stand und Fortschritt bei Vorhandensein und Nutzung von IT-Tools zu schaffen. Demnächst und im Juni 2023 sollen Krankenhäuser diesen Status selbst einschätzen und melden – ein Muss für geförderte Häuser. Das entstehende Modell schafft die Basis für diese Selbsteinschätzung. Auf die laufende Entwicklung des Mess- und Bewertungsinstruments, so Geissler, folgt die Datenerhebung und daraufhin die Gesamtanalyse mit longitudinaler Perspektive.

Ziele und Herangehensweise

Der wissenschaftliche Ansatz soll zum einen Vergleichbarkeit schaffen zwischen deutschen Krankenhäusern und zum anderen mit dem Stand in anderen Ländern, erläuterte Prof. Geissler. Internationalität fließt durch Kriterien des EMRAM-Modells ein, das deutsche KIT-CON-Modell soll hiesige Aspekte einbringen. Ziel ist ferner die Prüfung, inwieweit die Förderung durch das KHZG – wie intendiert – in der Versorgungswirklichkeit ankommt. 

Derzeit laufen die Finalisierung des Kriterienkatalogs, des Scorings fürs Benchmarking sowie der Bewertungskriterien, erläuterte Studzinski; darauf folgt der Test unter den 11 Pilothäusern. Wie viele der aktuell rund 230 Beurteilungskriterien es am Ende in den Katalog schaffen, erscheint noch unklar. In sechs „Dimensionen“ ist die Beurteilung strukturiert: klinische Prozesse, Patienteneinbindung, Informationsaustausch, IT-Sicherheit bzw. Resilienzmanagement, organisatorische Steuerung sowie Telehealth/Telemedizin. 

Nach der Pilotierung wird der Fragebogen auf der DigitalRadar-Website zur Verfügung gestellt. Jeder Verantwortliche registriert „sein“ Krankenhaus und erhält einen Link; Themen aus dem Fragenbogen kann er an Mitarbeitende zur Bearbeitung weitergeben. 

Man sieht wo man steht. Für uns alle ist [dieser Aufwand] durchaus leistbar und durchaus sinnvoll

Peter Gocke

Wer trägt auf Seiten der Krankenhäuser die Kosten für die Teilnahme an der Messung? Ursprünglich hatten die KHZG-Macher 2,5 Stunden Bearbeitungszeit je Kriterium veranschlagt; das, so der Tenor des Webinars, dürfte nicht ausreichen. Es sind nicht nur Antworten des IT-Teams gefragt, sondern zahlreiche weitere Abteilungen sind einzubeziehen, fügte Dr. Peter Gocke hinzu, Chief Digital Officer. In der Charité, einem Pilothaus, seien vier bis sechs Personen je Kriterium zu befragen, was vom Bauchgefühl her somit vier bis sechs Tage Aufwand bedeute. Kleinere Häuser bräuchten, so Dr. Gocke, nicht länger, weil sie ggf. besser organisiert seien. Die Krankenhäuser sollten aber die Vorteile diesem Aufwand gegenüberstellen: „Man sieht wo man steht. Für uns alle ist das (dieser Aufwand) durchaus leistbar und durchaus sinnvoll.“ – Die weiteren Kosten des Gesamtprojekts laufen über Forschungsvorhaben. 

Die erhobenen Daten liegen übrigens auf einem deutschen Server. Klare Richtlinien für den Umgang mit ihnen sind mit dem BMG in Abstimmung. Die HIMSS agiert nur als Verarbeiter. 

Zwischen dem Ergebnis der Selbsteinschätzung hinsichtlich des Reifegrades und der Höhe des Abschlages besteht laut dem KHZG kein Zusammenhang – dazu erarbeiten GKV-SV und DKG die Kriterien. Auch ergeben sich aus den Ergebnissen der Selbsteinschätzung keine etwaigen Rückförderungen der Fördermittel aus dem Krankenhauszukunftsfonds.

Wie lauten die Perspektiven?

Digitalisierung soll nicht nur Kostensenkung bringen, sondern erhöhte Behandlungsqualität – so lautet gemäß Prof. Thun das oberste Ziel der Digitalisierung. Mehr als 550 deutsche Krankenhäuser hatten ja auch bereits das EMRAM-Modell durchgearbeitet; bisher gibt es hierzu noch zu wenige Veröffentlichungen und Deutschland und Europa. Der DigitalRadar wird hier weitere Forschung ermöglichen.

Der Gesetzgeber soll die Digitalisierung langfristig und nachhaltig fördern und stärken können – regional sowie auf Landes- und Bundesebene, fasste Dr Nicolai Bodemer, BMG, die Zielsetzung zusammen. Dafür müsse die Black Box des Digitalisierungsstatus „informatorisch geöffnet werden“. 

Der DigitalRadar sollte als deutsches Modell wahrgenommen werden – nicht als US-Konstrukt mit kleinen Anpassungen. Deutsche Besonderheiten sind berücksichtigt, resümierte Geissler. Er würde sich freuen, wenn auch nichtgeförderte Häuser an der Messung teilnehmen.

Und: Die Ergebnisse sollen der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden und eine Governance-Struktur ermöglichen … sowie eine Handlungsbasis für die folgende Legislaturperiode bereitstellen – so lautete der Ausblick von Thomas Süptitz, BMG, dem „Vater des KHZG“. 

24.08.2021

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