Zwei flache runde graue Pucks mit farbigen Stellen, unter einer Art...
Ein gutes Zeichen: Knochenbildende Zellen (violett) haben ein Hydrogel, das wie Knochen strukturiert wurde, bereits besiedelt und Kollagen (hellblau) produziert.

Bildquelle: Margherita Bernero / ETH Zürich 

News • Materialforschung

Ein Hydrogel – das Knochenimplantat der Zukunft?

Per Laserlicht wird das Hydrogel sehr schnell zu einem Material mit mikroskopisch feinsten Strukturen verfestigt, damit knochenbildende Zellen es gut besiedeln können.

Brechen Knochen bei einem (Ski-)Unfall, wachsen sie meist von selbst zusammen – es sei denn, der Schaden am Knochen ist zu groß. Dann oder auch nach der Entfernung eines Knochentumors bauen Chirurgen ein Implantat ein, das das Zusammenwachsen des Knochens ermöglicht. 

Als Implantate dienen oft körpereigene Knochenstücke, sogenannte Autografts, Metall- oder Keramikteile. Die meisten heutigen Implantate haben jedoch einen Nachteil: Autografts müssen dem Patienten an einer zweiten Operationsstelle entnommen werden. Metallimplantate sind oft zu starr; sie können sich deswegen mit der Zeit lockern und ihre Stabilität verlieren. 

Um Knochen zu verbinden, werden heute harte steife Implantate verwendet...
Um Knochen zu verbinden, werden heute harte steife Implantate verwendet (links). Künftig könnten weiche Implantate aus einem Hydrogel eingesetzt werden.

Grafik: Xiao-Hua Qin / ETH Zürich

Und fast noch wichtiger: Knochen ist ein sehr komplexes Organ mit unzähligen Tunnels und Hohlräumen. "Damit ein Knochen gut heilt, müssen wir unbedingt die Biologie in die Reparatur einbeziehen", sagt Xiao-Hua Qin, Professor für Biomaterials Engineering der ETH Zürich. Und für diese Reparatur braucht es verschiedene Zelltypen, die zuerst das Implantat besiedeln müssen und dann neue Knochensubstanz bilden. 

Dank des neu entwickelten Verbindungsmoleküls können wir nun aber das Hydrogel nicht nur stabil und äußerst fein strukturieren, sondern auch mit einer hohen Schreibgeschwindigkeit von bis zu 400 Millimeter pro Sekunde herstellen. Das ist ein neuer Weltrekord

Xiao-Hua Qin

Der ETH-Forscher hat deshalb einen neuen Ansatz gewählt: Als Material für ein künftiges Implantat entwickelte Qin zusammen mit seiner Gruppe und ETH-Professor Ralph Müller ein neuartiges Hydrogel, das weich wie Pudding ist und sich mit der Zeit im Körper auflöst. Dieses Material könnte dereinst für massgeschneiderte Knochenimplantate verwendet werden. Die entsprechende Studie ist soeben in der Fachzeitschrift Advanced Materials erschienen. 

"Zu Beginn der natürlichen Knochenheilung setzt der Körper immer ein weiches Material ein", erklärt der Forscher. In den ersten Tagen nach einem Bruch bildet sich ein Hämatom, eine Schwellung. Es ist durchlässig und fördert die Einwanderung von Zellen, die für die Reparatur des Bruchs zuständig sind, von Immunzellen und Nährstoffen. Ein Netz aus Fibrin hält die Zellen zusammen. Im Laufe der Zeit entsteht daraus ein harter und steifer Knochen. 

Das Hydrogel ist dieser natürlichen Knochenheilung nachempfunden. Es besteht zu 97% aus Wasser und zu 3% aus einem biologisch verträglichen Polymer. Damit es sich verfestigen kann, fügten die Forschenden zwei spezielle Moleküle zu: ein Verbindungsmolekül, das die Polymerketten miteinander verknüpft, und ein auf Licht reagierendes Molekül, das die Reaktion in Gang setzt. 

Trifft der Laser (roter Strahl) auf das Crosslinkermolekül (weißlich), verknüpft sich dieses mit den umliegenden Polymerfäden (orange).

Grafik: Sven Gautschi / ETH Zürich

Qins und Müllers ehemalige Doktorandin Wanwan Qiu hat das Verbindungsmolkül eigens für diese Anwendung entwickelt. "Es ermöglicht eine schnelle Strukturierung im Submikrometerbereich von Hydrogelen", sagt sie. Zur Verknüpfung der Polymerketten kommt es, sobald Laserpulse von bestimmter Wellenlänge auf das Hydrogel auftreffen. Die bestrahlten Bereiche werden dabei sofort fest, während die nicht bestrahlten Teile später ausgewaschen werden können. 

Auf diese Weise können die Forschenden mit dem Laserstrahl beliebige Formen und Strukturen ins Hydrogel drucken, und zwar in sehr feiner Auflösung und äusserst präzise. Die Strukturen können nur gerade 500 Nanometer groß sein. 

"Da Hydrogele wie Wackelpuddings sind, lassen sie sich kaum vernünftig formen", sagt ETH-Professor Qin. "Dank des neu entwickelten Verbindungsmoleküls können wir nun aber das Hydrogel nicht nur stabil und äußerst fein strukturieren, sondern auch mit einer hohen Schreibgeschwindigkeit von bis zu 400 Millimeter pro Sekunde herstellen. Das ist ein neuer Weltrekord." 

In ihrer Studie stellten die Forschende unter anderem komplex strukturierte Hydrogels her, die wie echter Knochen aussehen und ein feines Netz von Knochenbälkchen aufweisen. Als Vorlage dienten den Forschenden Bilder aus der medizinischen Bildgebung. 

Auch ein gesunder natürlicher Knochen ist von einem feinen Netzwerk aus nur nanometerdünnen und mit Flüssigkeit gefüllten Kanälen durchzogen. "In einem Knochenstück von der Größe eines Spielwürfels sind 74 Kilometer Tunnels", sagt Qin. Zum Vergleich: Der längste Bahntunnel der Welt, der Gotthard Basistunnel, misst 54 Kilometer. 

Zwei Hände in blauen Schutzhandschuhen halten eine kleine Petrischale
Noch sind die strukturierten Hydrogels von bloßem Auge kaum sichtbar. Ziel ist, sie in der richtigen Größe für ein Knochen-Implantat herzustellen.

Bildquelle: Peter Rüegg / ETH Zürich 

Bisher haben die Forschenden das Material erst im Reagenzglas getestet. Dabei zeigte sich, dass knochenbildende Zellen das strukturierte Hydrogel rasch besiedeln und beginnen, Kollagen zu bilden, ein wichtiger Bestandteil des Knochens. Die Tests zeigten weiter, dass das Material biokompatibel ist und die knochenbildenden Zellen nicht schädigt. Die Forschenden haben das Basismaterial patentieren lassen und möchten es der medizinischen Industrie zugänglich machen. 

Das erklärte Ziel des Forschers ist, dass das Implantat auf Hydrogelbasis eines Tages bei der Reparatur von gebrochenen Knochen in der Klinik eingesetzt wird. Der Weg dahin ist allerdings noch weit. Als Nächstes plant Qin in Zusammenarbeit mit dem AO Forschungsinstitut Davos Tests in Tieren. Damit wollen die Forschenden herausfinden, ob ihr neues Knochenreparaturmaterial auch im Körper das Einwandern von knochenbildenden Zellen fördert und ob es mit der Zeit die Stärke des Knochens wiederherstellt.


Quelle: ETH Zürich / Peter Rüegg

06.03.2026

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