Prof. Dr. Thomas Boehm

Hohe Auszeichnung für Immunologen

Für seine bahnbrechenden Arbeiten im Bereich der Entwicklung des Immunsystems verleiht die Deutsche Gesellschaft für Immunologie e. V. (DGfI) den Deutschen Immunologie-Preis 2020 an Prof. Dr. Thomas Boehm, Direktor am Max-Planck Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg.

Der Preis sollte eigentlich im Rahmen der gemeinsamen Jahrestagung der DGfI mit der ÖGAI in Hannover überreicht werden. Da diese Tagung Pandemie-bedingt für das Jahr 2020 leider abgesagt werden musste, soll die Verleihung nun im Rahmen der ECI Tagung im September 2021 in Belgrad stattfinden.

portrait of Thomas boehm
Prof. Dr. Thomas Boehm
Quelle: DGfI

Mit seinen herausragenden wissenschaftlichen Spitzenleistungen im Bereich der molekularen Mechanismen der Entwicklung des Immunsystems zählt Professor Thomas Boehm schon seit vielen Jahren zu den führenden Immunologen weltweit. Im Fokus seiner Forschung stehen die Entwicklung und Funktion des Thymus und der T-Zellen, sowie die Evolution des adaptiven Immunsystems. Mit seinen durchaus gewagten Hypothesen hat er wiederholt vermeintlich etablierte Paradigmen in Frage gestellt und im Ergebnis völlig neue Perspektiven auf die Funktion und Regulation des Immunsystems eröffnet. Das belegen auch die aktuellen hochrangigen Publikationen, in denen Prozesse der Thymus-abhängigen T-Zellentwicklung nicht nur in Mausmodellen, sondern in einer ganzen Reihe von Tierarten, angefangen von einfachsten Wirbeltieren (z.B. Neunaugen) bis hin zum Menschen beschrieben werden. Diese Vielfalt der Tiermodelle eröffnete Thomas Boehm und seinen Mitarbeitern immer wieder neue Einblicke in die faszinierende Evolution des Immunsystems, die bei kiefertragenden Wirbeltieren (Kiefermäulern) durch das erstmalige Auftreten von spezialisierten „lymphopoietischen“ Geweben mit T- und B-ähnlichen Zellen, quasi als Urahnen der T- und B-Lymphozyten der Säugetiere, gekennzeichnet ist. Dagegen entwickelten sich bei primitiveren kieferlosen Wirbeltieren (z.B. Neunaugen) die genetischen Mechanismen, die eine großes Repertoire an strukturell unterschiedlichen Antigenrezeptoren überhaupt ermöglichen, offenbar weitgehend unabhängig. Dementsprechend unterschiedlich sind sie auch im Vergleich zu den rezenten Wirbeltieren (Kiefermäulern), bis hin zu Primaten und dem Menschen.

Die bahnbrechenden Arbeiten aus dem Boehm-Labor [...] zeugen von seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, jenseits der bekannten Pfade out of the box zu denken, Paradigmen in Frage zu stellen und damit völlig neue immunologische Wege zu beschreiten

Thomas Kamradt

"In dem Kurzformat einer Pressemitteilung können aus der Fülle der bahnbrechenden Pionierarbeiten von Professor Boehm nur einige Highlights erwähnt werden, um den Rahmen nicht zu sprengen", so Prof. Dr. Thomas Kamradt, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Für besonderes Aufsehen bei den wissenschaftlichen Kollegen sorgte nicht nur die Entdeckung der Mutation bei T-Zell-defizienten "Nackt"-Mäusen, sondern auch der in 2020 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Mechanismus des „sexuellen Parasitismus“ bei Anglerfischen, bei denen sich das Männchen zu Reproduktionszwecken buchstäblich in das Weibchen „verbeißen“ muss – nicht nur um den Preis der Abgabe ganzer Organe und des Blutkreislaufes, sondern auch einiger Immunrekombinations-Gene – sozusagen Toleranz auf höchstem Niveau. Aber damit nicht genug. Sein out of the box-Denken lässt sich auch daran erkennen, dass Thomas Boehm sich immunologisch der Frage gewidmet hat, warum man manche Zeitgenossen einfach „nicht riechen“ kann. Basierend auf seinen mechanistischen Studien bei Fischen und Mäusen hat er gefunden, dass wir Menschen tatsächlich anhand des Körpergeruchs anderer Personen wahrnehmen könnten, welche Peptidliganden der Humanen Leukozyten-Antigenen (HLA) olfaktorischen Sinneszellen zugänglich gemacht werden. Selbst-Peptide im Kontext der HLA-Allele des Gegenübers nehmen Menschen in bestimmten Gehirnregionen offenbar als weniger wohlriechend wahr als „Parfüm-ähnliche“ Fremd-Peptide. Wenn man sich gegenseitig „beschnuppert“, könnte also mehr dahinterstecken, als gedacht: nämlich eine sensorisch beeinflusste Partnerwahl auf der Basis der gemeinsamen Immungenetik aus HLA-Polymorphismen und olfaktorischer Evaluation der korrespondierenden Peptidliganden.

Bei dieser beeindruckenden Vielfalt an nicht nur bahnbrechenden, sondern in weiten Teilen sogar revolutionären Erkenntnissen über Evolution und Regulation des adaptiven Immunsystems wundert es nicht, dass einige Entdeckungen von Thomas Boehm, z.B. über die evolutionären Mechanismen des adaptiven Immunsystems, schon jetzt Eingang in die internationalen Immunologie-Lehrbücher gefunden haben. "Die bahnbrechenden Arbeiten aus dem Boehm-Labor basieren nicht nur auf wissenschaftlichem Scharfsinn und experimentell-methodischer Exzellenz, sondern zeugen von seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, jenseits der bekannten Pfade out of the box zu denken, Paradigmen in Frage zu stellen und damit völlig neue immunologische Wege zu beschreiten – durchaus auch entgegen der aktuellen Lehrmeinung“, begründet Thomas Kamradt die Entscheidung für diesen Preisträger und fügt hinzu, dass "mit Thomas Boehm ein großes Vorbild für den wissenschaftlichen Nachwuchs geehrt wird".

Prof. Dr. Thomas Boehm ist seit 1998 Direktor am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg und leitet dort die Abteilung „Entwicklung des Immunsystems“. Zuvor war er 1995-1997 Professor am Deutschen Krebsforschungszentrum, DKFZ, in Heidelberg, wohin er als Professor der medizinischen Fakultät an der Universität Freiburg gewechselt hatte. Seine Postdoktorandenzeit verbrachte Prof. Boehm von 1987 – 1991 im Labor für Molekularbiologie in Cambridge, England, wohin es ihn nach seiner klinisch/experimentellen Postdoktorandenausbildung 1982-1986 in Pädiatrie und Biologischer Chemie an der medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt zog, an der er auch sein Medizinstudium absolviert hatte. 


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Immunologie (DGfI)

22.09.2020

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