50.000 politische Entscheidungen aus 195 Staaten

CoronaNet: Größte Datenbank zu Covid-Maßnahmen online

Eine Forschungsgruppe hat die weltweit größte Datenbank zu politischen Entscheidungen zur Corona-Pandemie aufgebaut. In „CoronaNet“ sind Informationen über rund 50.000 Maßnahmen in 195 Staaten, teils bis zur kommunalen Ebene, abruf- und filterbar.

Bildquelle: Pete Linforth auf Pixabay

Die Datenbank bietet damit eine hochdifferenzierte Grundlage für Regierungen, Wissenschaft und Medien, um die Wirkung der Pandemie-Politik zu analysieren. Geleitet wird die Gruppe an der Hochschule für Politik (HfP) an der Technischen Universität München (TUM).

CoronaNet ist unter diesem Link aufrufbar. Die Forscher haben ihre Ergebnisse zudem im Fachjournal Nature Human Behaviour veröffentlicht.

Corona virus design with infected lungs and virus microscopic view background
Der Gefahr durch das Coronavirus SARS-CoV-2 wollen Wissenschaftler mit der Open-Science-Datenbank "CoronaNet" begegnen

Bildquelle: Shutterstock/Zeedign.com

Wie streng muss ein Lockdown sein, um Wirkung zu zeigen? Wann haben Länder mit niedrigen Covid-19-Fallzahlen welche Entscheidungen getroffen? Ist die Corona-Politik von Zentralstaaten erfolgreicher als von föderalen Staaten? Um analysieren zu können, welche staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie wann, wo und wie wirken, ist eine große Menge zuverlässiger Informationen unabdingbar – denn jeder Staat und vielfach auch jedes Bundesland und jede Kommune haben in dieser einmaligen Situation anders entschieden.

Ein internationales Forschungsnetzwerk, koordiniert am Lehrstuhl für International Relations, Hochschule für Politik München an der TUM, hat deshalb die weltweit größte Datenbank zu politischen Entscheidungen zur Pandemie erstellt. „CoronaNet“ enthält inzwischen Informationen über mehr als 50.000 Maßnahmen, die Regierungen in 195 Ländern in Reaktion auf die Pandemie beschlossen haben. Die Datenbank wird von derzeit mehr als 500 Forschenden und Studierenden laufend ergänzt.

Das Material ist nicht nur umfassender, sondern auch deutlich differenzierter als andere Datensätze. Erfasst werden

  • die einzelnen Maßnahmen, die 18 Kategorien zugeordnet werden, zum Beispiel Social Distancing, Einschränkungen des Schulunterrichts oder Investitionen in das Gesundheitswesen
  • der Zeitpunkt der Einführung der Maßnahmen und wie lange sie gelten
  • ob die Entscheidung auf der nationalen, regionalen oder kommunalen Ebene getroffen wurde
  • auf wen oder was die Maßnahmen angewendet werden, also ob beispielsweise Reisebeschränkungen für die einheimische oder die ausländische Bevölkerung bestimmt sind
  • das Gebiet, für das die Maßnahmen angeordnet werden, etwa der Gesamtstaat oder nur einzelne Regionen
  • ob die Maßnahmen Empfehlungen oder verpflichtend sind.

Unser Ziel ist, in dieser Situation großer Unsicherheit möglichst schnell möglichst viele Grundlagen für möglichst wertvolle Analysen zu schaffen

Cindy Cheng

Sämtliche Daten stehen öffentlich auf www.coronanet-project.org zur Verfügung und können dort nach verschiedenen Kategorien gefiltert werden. Das ermöglicht eine enorme Bandbreite und Detailtiefe an Analysemöglichkeiten. So könnte etwa ermittelt werden, welche Ausgangsbeschränkungen Südkorea im Vergleich zu Singapur erlassen hat oder ob die Covid-Testmaßnahmen in Kalifornien von der Regierung des Bundesstaats oder in Washington beschlossen wurden. Mit einem Dashboard lassen sich die Zeitverläufe der abgefragten Entscheidungen visualisieren. Ergänzend hat die Forschungsgruppe zahlreiche Übersichtsartikel zu einzelnen Staaten verfasst.

Die Daten können auch exportiert werden – für Nutzer, die wenig Erfahrung mit Statistikprogrammen haben, stellt „CoronaNet“ eigens eine Lernplattform bereit. „CoronaNet ist ein echtes Open-Science-Projekt“, betont der Projektleiter Luca Messerschmidt vom Lehrstuhl für International Relations der TUM. „Unser Ziel ist, in dieser Situation großer Unsicherheit möglichst schnell möglichst viele Grundlagen für möglichst wertvolle Analysen zu schaffen“, ergänzt die zweite Projektleiterin Dr. Cindy Cheng. Nicht zuletzt können die Maßnahmen in Relation zu den Covid-19-Fallzahlen gesetzt werden, um ihre Wirksamkeit zu untersuchen.

Studien zeigen Unterschiede zwischen Staaten

Die Datenbank wird bereits weltweit von Politik, Wissenschaft und Medien genutzt. Auch Mitglieder der „CoronaNet“-Gruppe haben Daten in eigenen Forschungsarbeiten ausgewertet. Beispielsweise haben die Wissenschaftler die Corona-Politik von Zentralstaaten und föderalen Staaten verglichen. Dabei wurde deutlich, dass nicht in allen Föderalstaaten die Bundesländer einen ähnlich großen Anteil an den Entscheidungen zur Pandemie hatten wie die deutschen Länder. In der Schweiz fand vielmehr eine Zentralisierung der Corona-Politik von den Kantonen auf die Bundesregierung statt.

In einer weiteren Studie konnten die Forschenden die vielfach geäußerte Vermutung belegen, dass autoritäre Staaten häufiger als andere Länder Maßnahmen angeordnet haben, die gleichzeitig dazu geeignet sind, Kritik zu unterdrücken. Vor allem verhängten diese Regierungen häufiger Abriegelungs- und Ausgangssperren, taten dies zu einem früheren Zeitpunkt in der Pandemie und hielten diese Regelungen über einen längeren Zeitraum aufrecht. (Die beiden Studien durchlaufen derzeit den wissenschaftlichen Begutachtungsprozess und stehen als sogenannte Vorab-Publikationen zur Verfügung.)

Das Team hat sich zum Ziel gesetzt, neue Informationen über politische Entscheidungen zu Covid-19 binnen fünf Tagen in die Datenbank einzuarbeiten. Andere Forschungsgruppen liefern inzwischen Daten zu. „CoronaNet“ partizipiert zudem an dem im November gestarteten Großprojekt „PERISCOPE“, bei dem 32 Forschungseinrichtungen die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie in Europa untersuchen.

„Die Pandemie stellt Regierungen in aller Welt vor immer neue Herausforderungen“, sagt Prof. Tim Büthe, Inhaber des Lehrstuhls für International Relations und Koordinator der TUM-„PERISCOPE“-Projekte. „Umso wichtiger ist, dass alle, die Politik mitgestalten, Entscheidungen auf der Basis wissenschaftlich fundierter Analysen treffen können. Dazu braucht man gute, umfangreiche Daten. Deshalb kann man die Leistungen und das Engagement, vor allem der Promovierenden und Studierenden, die diesen Datensatz in kürzester Zeit aufgebaut haben, gar nicht hoch genug einschätzen.“


Quelle: Technische Universität München (TUM)

21.12.2020

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