boy on a trampoline
Quelle: Pixabay/PublicDomainPictures

Kein Kinderkram

Wenn der Trampolin-Spaß im Krankenhaus endet

Die Kinderradiologie ist nicht umsonst ein Schwerpunktgebiet, das drei zusätzliche Jahre Ausbildung erfordert. Denn neben der Empathie und einem speziellen Feingefühl, das der Umgang mit Kindern erfordert, gehört ein profundes Wissen über die speziellen Erkrankungen und Verletzungsformen von Kindern zum Grundwerkzeug des Kinderradiologen, wie Dr. Marc Steinborn, Leitender Oberarzt der Kinderradiologie am Klinikum München, im Gespräch erklärt.

Bericht: Marcel Rasch

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Dr. Marc Steinborn ist Leitender Oberarzt der Kinderradiologie am Klinikum München.

Sportverletzungen sind auch bei Kindern eine häufige Unfallursache. Dabei sind die Art und das Ausmaß der Verletzung häufig unspezifisch. Ein Sturz vom Fahrrad, ein Foul des Gegners beim Fußballspielen – und schon ist der Arm gebrochen. „Solcherlei Diagnosen sind leicht zu stellen, denn ob ein Kind vom Fahrrad fällt oder sich beim Fußballspielen den Arm bricht, die Fraktur ist am Ende dieselbe“, so Steinborn.

Chronische Überlastungsreaktionen nehmen zu

Durch das Wachstum sind die Knochen noch im Aufbau befindlich und eine übermäßige Belastung kann schnell zu Überlastungsreaktionen führen

Marc Steinborn

Immer häufiger jedoch lassen sich auch sportbedingte chronische Überlastungsreaktionen bei Kindern beobachten. „Wir stellen gerade in letzter Zeit vermehrt chronische Veränderungen fest, die durch exzessive sportliche Betätigung entstehen. Hier geht die Schere mittlerweile weit auseinander: Auf der einen Seite haben wir Kinder, die den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen und sich gar nicht bewegen, auf der anderen Seite solche, die übermäßig sportlich tätig sind. Beide Arten der Übertreibung sind nicht gerade vorteilhaft“, betont der Radiologe.

Das Skelettsystem von Kindern unterscheidet sich stark von dem erwachsener Menschen und ist in vielen Bereichen deutlich vulnerabler. „Durch das Wachstum sind die Knochen noch im Aufbau befindlich und eine übermäßige Belastung kann schnell zu Überlastungsreaktionen bis hin zu Überlastungsbrüchen (Stressfrakturen) führen. Vor allem, wenn die Wachstumsfugen noch geöffnet sind, kann eine Überbelastung durch Stauchungen zu Schädigungen des Wachstumsknorpels führen und damit zu Fehlstellungen oder gar Verkürzungen von Extremitäten. Wir verfügen heute über sehr gute diagnostische Methoden und genügend MRT-Geräte, um eine schnelle und qualitativ hochwertige Diagnostik betreiben zu können.“

Das Besondere an chronischen Überlastungsreaktionen bei Kindern ist jedoch, dass sie Entzündungen oder Tumoren imitieren können und es deshalb auch zu Fehldiagnosen kommen kann. „Wir erleben immer wieder, dass wir Bildmaterial und Befunde erhalten, bei denen die eigentliche Ursache der Veränderung gar nicht erkannt wurde und Eltern und Kinder unnötig verunsichert werden“, klagt Steinborn.

Trendsport Trampolinspringen: Frakturen über Frakturen

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Typische Trampolinfraktur der proximalen Tibia (Pfeil) bei einem 3-jährigen Kleinkind.

Ein aktuelles Beispiel für neue Verletzungsformen, die aus modernen Trendsportarten hervorgehen, sind die Trampolinverletzungen. „Mittlerweile gibt es in fast jedem Garten ein Trampolin und ganze Trampolinhallen sind für diese Trendsportart entstanden“, bemerkt Steinborn. Kopfzusammenstöße oder Extremitätenfrakturen passieren in solchen Hallen andauernd und gehören für Steinborn zum Alltagsgeschäft. Mit dieser Freizeitbeschäftigung einhergehen auch Verletzungen, die bis vor zehn Jahren noch überhaupt kein Thema waren. „Viele Kinder springen untrainiert den ganzen Tag auf dem Trampolin und abends tut ihnen das Schienbein weh oder das Knie ist geschwollen. Meist liegt dann eine Übermüdungsfraktur vor, die mit geschultem Auge im Röntgenbild leicht als solche zu identifizieren ist“, konstatiert Steinborn.

Ein geschultes Auge ist folglich die wichtigste Fähigkeit, die ein Kinderradiologe mitbringen muss. „Oft lässt sich im Gespräch mit den Eltern oder dem Kind selbst schon klären, was die Ursache für die Schmerzen sein kann“, führt der Arzt weiter aus „deshalb muss nach den Aktivitäten der Kinder gefragt werden, sie sind immer ein signifikantes, richtungsweisendes Merkmal.“ Beim Verdacht auf eine Überlastungsreaktion gilt, so Steinborn abschließend: „Erst einmal eine Erholungsphase für das Kind und ein Pausieren der Belastung einzulegen. Werden die Symptome dann in den Folgetagen besser, können wir relativ sicher sein, dass die Diagnose Überlastung richtig war.“


Profil:

Dr. Marc-Matthias Steinborn ist Leitender Oberarzt der Kinderradiologie am Klinikum Schwabing. Er hält die Stufe III der DEGUM für Sonographie und ist Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Kinderradiologie der Deutschen Röntgengesellschaft sowie Mitglied der Leitlinienkommission der Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie.


Veranstaltungshinweis:

Sa, 11.11.2017, 12:30 – 13:15

Sportverletzungen bei Kindern

Dr. Marc Steinborn, München

Session: Pädiatrische Radiologie

Congress-Saal

09.11.2017

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