Was können Sie vertragen?

Individuelle Diagnostik bei Kontrastmittelunverträglichkeit. Ausmaß und Ursachen sind weitgehend unbekannt, fest steht nur: Kontrastmittelunverträglichkeit ist ein schwerwiegendes und bisher nicht ausreichend untersuchtes und berücksichtigtes Problem der bildgebenden Diagnostik.

Prof. Dr. Klaus Jochen Klose
Prof. Dr. Klaus Jochen Klose

Die Klinik für Strahlendiagnostik der Philipps-Universität in Marburg unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Jochen Klose gehört weltweit zu den wenigen Einrichtungen, die sich der kontrastmittelinduzierten Überempfindlichkeitsreaktion gezielt annehmen und ihren Patienten einen individualisierten, diagnostischen Lösungsansatz bieten. Wie ein solcher in der Praxis aussieht und worauf es dabei ankommt, darüber sprach RöKo Heute mit Dr. Ingrid Böhm, Leiterin der Forschung an der Klinik für Strahlendiagnostik, und mit Prof. Klose.

Wie viele Patienten genau von einer Kontrastmittelüberempfindlichkeit betroffen sind, kann die Wissenschaft nicht eindeutig beantworten. Stark variierende Studienprotokolle mit unterschiedlichen Kontrastmitteln und Symptomatiken zeigen derzeit Inzidenzschwankungen zwischen 0,002 Prozent und 40 Prozent. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen, was laut Klaus Jochen Klose jedoch nicht der entscheidende Punkt ist: „Bei uns steht der Patient im Mittelpunkt. Daher ist die Zahl der betroffenen Patienten für die klinische Routine sekundär. Der Einzelfall, der aktuell eine sichere Kontrastmittelapplikation benötigt, ist wichtig.“

Und genau der kommt in der klinischen Praxis häufig zu kurz. Denn bisher werden allein die akuten Unverträglichkeitsreaktionen therapiert – weitere diagnostische Maßnahmen erfolgen nicht. Stellt sich derselbe Patient erneut vor, wird er zwar als Risikopatient eingestuft, die daraus resultierenden Konsequenzen beschränken sich allerdings auf den Verzicht einer Kontrastmittelgabe oder eine Prämedikation. „Die Prämedikation kann sinnvoll sein, bietet aber keinen absoluten Schutz vor einer Unverträglichkeit. Außerdem existiert hier keine Standardisierung und auch das Auftreten unerwünschter Wirkungen durch diese ärztliche Maßnahme wird zu wenig berücksichtigt“, ergänzt Ingrid Böhm.

Im Gegensatz zu dieser etablierten Methode werden die Marburger Patienten individuell auf ihre Kontrastmittelreaktion hin „ausgetestet“. „Treten bei uns Unverträglichkeiten auf oder kommt der Patient bereits mit dieser Anamnese zu uns, klären wir nach dem Ausschlussverfahren, welche Kontrastmittel bei diesem einen Patienten komplikationsfrei angewendet werden können. Die im Test nicht-reaktiven Kontrastmittel werden als Alternativen empfohlen und vermerkt. Auf diese Art und Weise müssen wir weder auf Kontrastmittel verzichten, noch eine Prämedikation einsetzen. Unverträglichkeit ist eben nicht gleich Unverträglichkeit, da muss man schon genauer hinschauen. Übrigens: Kein Patient, der bisher bei uns untersucht wurde, zeigte eine Reaktion auf alle Kontrastmittel – für jeden Menschen hält das bisherige Kontrastmittelspektrum Alternativen bereit“, so Dr. Böhm. Die in Marburg erzielten Ergebnisse werden nun im Rahmen einer Studie in einem größeren Patientenkollektiv systematisch überprüft.

Eines kann man jedoch bereits jetzt festhalten: Durch die individuelle Diagnostik und den Einsatz alternativer Mittel müssen auch bei einer Unverträglichkeit keine Kompromisse mehr bei der Qualität der Bildgebung gemacht werden. Verbindliche Regeln oder Rückschlüsse auf die Genese lassen sich jedoch auch aus diesen individuellen Betrachtungen derzeit nicht aufstellen. Eine Klassifizierung der Symptome kann nach unterschiedlichen Aspekten, wie beispielsweise dem Zeitpunkt des Auftretens oder der Schwere erfolgen. Doch weder anhand dieser Faktoren noch aufgrund der klinischen Symptome an sich lässt sich die Genese der Reaktion ableiten. Böhm: „Rückschlüsse von einem auf den anderen Patienten sind nicht möglich. Jeder Patient zeigt ein individuelles Risikomuster. Selbst wenn die klinischen Symptome sehr ähnlich sind, können die Pathomechanismen völlig verschieden sein. Leider wissen wir derzeit noch zu wenig über diese Pathomechanismen, hier besteht ein großer Forschungsbedarf.“

Allerdings darf eines bei der gesamten Debatte nicht unberücksichtigt bleiben: Kontrastmittel gehören zu den sichersten Arzneimitteln, die sich derzeit auf dem Markt befinden. Nichtsdestotrotz ist jede Verabreichung mit einem Risiko verbunden, das unter Umständen Auswirkungen auf die diagnostischen Möglichkeiten nach sich ziehen kann. Da die kontrastmittelinduzierte Überempfindlichkeitsreaktion keineswegs nur die Radiologie, sondern vor allem auch die Kardiologe, Urologie, Neurologie und weitere klinische Bereiche betrifft, ist ein Umdenken hin zu einem individualisierten Ansatz unverzichtbar, um „aus dem Pool der zugelassenen Substanzen das für den Patienten individuell verträgliche Präparat auszuwählen und dadurch die Potenziale der Bildgebungstechnologien voll auszuschöpfen“, so Klaus Jochen Klose abschließend.

 

Veranstaltungshinweis

Saal Hounsfield
Fr, 18.05., 09:45 - 10:55 Uhr
Böhm I
Kontrastmittel-induzierte
Überempfindlichkeitsreaktionen:
individualisierte Medizin zur
Optimierung der Arzneimittelverträglichkeit
von Kontrastmitteln
Klose KJ / Marburg (Vorsitz)

 

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Im Profil

In Changchun/China geboren wuchs Prof. Dr. Klaus Jochen Klose in Rheinland-Pfalz auf und hat dort auch 1973 sein Staatsexamen in Humanmedizin an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz absolviert. 1990 wurde er als Professor an die Klinik für Strahlendiagnostik der Philipps-Universität Marburg berufen, wo er bis heute tätig ist. Klaus Jochen Klose ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Gesellschaften, darunter die DRG, ECR, RSNA und SIM (Society of Molecular Imaging), deren Gründungsmitglied er ist.

Die Schwerpunkte seiner klinischen Arbeit sind onkologische Fragestellungen in der diagnostischen Radiologie. Wissenschaftlicher Schwerpunkt sind quantitative Aspekte der Schnittbildgebung.  Als Hochschullehrer steckt sein Herzblut in der Förderung von computerbasiertem Lehren und Lernen.

Dr. Ingrid Böhm wurde in Bonn geboren und studierte dort Medizin. Seit 2008 leitet sie die Arbeitsgruppe Molekulare Radiologie und seit 2012 die Forschung an der Klinik für Strahlendiagnostik der Philipps-Universität Marburg. Wissenschaftliche Schwerpunkte von Dr. Böhm sind molekulare Bildgebung und Arzneimittelsicherheit von Kontrastmitteln.

Seit mehr als 10 Jahren erforscht sie die zellulären und molekularen Mechanismen von Kontrastmittel-induzierten Überempfindlichkeitsreaktionen. Die Expertise auf diesem Gebiet zeigen u.a. zahlreiche Publikationen in einschlägigen Fachjournalen. Insbesondere das individuelle Managementvon Patienten mit Kontrastmittel-induzierten Reaktionen geht auf ihre Initiative zurück.

 

 

09.05.2012

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