Kinder mit anderen Augen sehen

Was Kinder aus Sicht der Radiologie besonders macht

Der starke Anklang, den die pädiatrische Sitzung im vergangenen Jahr fand, zeigt, wie groß der Wissensbedarf in Bezug auf die kleinen Patienten in der täglichen radiologischen Praxis ist.

Dr. Christoph Heyer
Dr. Christoph Heyer

Denn häufig ist es eben nicht der spezialisierte Kinder-, sondern der Allgemeinradiologe, der die Erstdiagnostik stellt und damit über die weitere Therapie entscheidet. Keine leichte Aufgabe, weisen Kinder doch gänzlich andere Erkrankungstypen und Merkmale auf als Erwachsene. Dr. Christoph Heyer, Facharzt für Kinderheilkunde und Facharzt für diagnostische Radiologie, leitet in diesem Jahr gemeinsam mit Prof. Gundula Staatz die Fortsetzung der pädiatrischen Sitzung, die sich mit rheumatischen Erkrankungen, abdominellen Tumoren und Erkrankungen des Zentralnervensystems(ZNS) beschäftigt.

Speziell die rheumatischen Erkrankungen im Kindesalter sorgen immer wieder für Irritationen – einfach, weil man ein solches Krankheitsbild bei Kindern nicht erwartet. „Umso wichtiger war es uns, die Symptome und Anzeichen von Rheuma bei Kindern in das Bewusstsein der Kollegen zu rücken. Im Gegensatz zu Erwachsenen sehen wir hier nicht die typischen Gelenkveränderungen im Sinne von Destruktion oder steifen Gelenken. Genau diese gilt es bei Kindern zu verhindern, weshalb wir uns auf die diskreten Veränderungen konzentrieren müssen“, so Christoph Heyer. Konkret sind damit Gelenkergüsse oder Veränderungen der Gelenkbinnenhaut gemeint, die mittels Ultraschall detektiert werden. In Kombination mit dem körperlichen Untersuchungs- und dem Laborbefund kann so frühzeitig eine Diagnose erstellt und eine Therapie eingeleitet werden, um dauerhafte Gelenkschäden zu vermeiden.

Ein gänzlich anderes Bild im Vergleich zur Erwachsenendiagnostik zeichnen auch Tumoren im abdominellen Bereich. Christoph Heyer: „Hier stehen nicht die klassischen Karzinome, beispielsweise das auf einer Infektion oder einer Zirrhose basierende Leberkarzinom, im Mittelpunkt. Die wichtigsten Tumoren bei Kindern sind das Nephroblastom, also der Wilms-Tumor, und das Neuroblastom – Erkrankungen, die auf eine Entartung embryonaler Zellen zurückzuführen sind. Diese haben ein völlig anderes Erscheinungsbild.“

Bei den abdominellen Tumoren ist die Bildgebung entscheidend für die Diagnostik. Auch hier ist der Ultraschall das erste Mittel der Wahl, das gegebenenfalls durch eine MRT-Untersuchung ergänzt wird. Auf CT-Aufnahmen kann in den meisten Fällen verzichtet werden. Für Radiologen ist es nicht nur entscheidend, diese besonderen Karzinomarten zu kennen, beim Neuroblastom ist auch die Bestimmung der genauen Ausdehnung ein entscheidender Diagnoseschritt, da dieses dazu neigt, in den Spinalkanal zu wandern.

Der Einsatz bildgebender Verfahren bei Fehlbildungen des ZNS hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Grund dafür ist zum einen die bessere pränatale Diagnostik, die solche Fehlbildungen bereits im Mutterleib aufdecken kann und entsprechende Follow-up-Untersuchungen nach sich zieht. Zum anderen hat die MRT bei der Epilepsiediagnostik stark aufgeholt und dient neben dem EEG als wichtigstes Diagnosetool. „Epilepsieanfälle gehen in der Regel von der Hirnoberfläche aus, wo es zu einer ganzen Reihe von Fehlbildungen kommen kann. Während der embryonalen Entwicklung müssen Neuronen vom Inneren an die Hirnoberfläche wandern, um sich hier in einer bestimmten Architektur zu verankern. Dabei entsteht eine ganze Reihe potenzieller Fehler, die zu Krampfanfällen oder auch zu Entwicklungsstörungen führen können. Auch hier unterscheidet sich die pädiatrische Diagnostik von der ‚normalen‘ Untersuchung, wo es eher um degenerative Erkrankungen geht“, so der Radiologe abschließend.


Im Profil
Dr. Christoph Heyer verfügt über eine Triple-Facharztausbildung in der Kinder- und Jugendmedizin, der diagnostischen Radiologie und der Kinderradiologie. Darüber hinaus verfügt der 44-Jährige über die KV-Ermächtigung zur Durchführung sämtlicher MRT- und CT-Untersuchungen bei Kindern und Jugendlichen. Seit 2005 ist er Oberarzt im Institut für Diagnostische Radiologie, Interventionelle Radiologie und Nuklearmedizin am Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil, Ruhr-Universität Bochum, und dort verantwortlich für die Betreuung von Kindern- und Jugendlichen.
 

29.10.2012

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