An erster Stelle?

Die Bedeutung der MRT in der Muskuloskelettaldiagnostik

Wenn es um die Bildgebungsmethode mit der höchsten Aussagekraft im muskuloskelettalen Bereich geht, dann liegt die Magnetresonanztomographie ganz weit vorne.

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Dr. Wolfgang Fischer von der Hessingpark-Clinic in Augsburg.

Mit keinem anderen Verfahren lassen sich Sehnen, Bänder, Muskeln, Menisken und sonstiges Weichteilgewebe so gut darstellen. Trotzdem ist es noch nicht lange her, da beschränkte sich das Einsatzgebiet dieser Methode auf klinisch unklare Fälle. Das sieht heute anders aus. Neben der flächendeckenden Verfügbarkeit der Gerätetechnologie stellt Dr. Wolfgang Fischer von der Hessingpark-Clinic in Augsburg weitere Gründe fest, warum der Stellenwert der muskuloskelettalen MRT so enorm angestiegen ist.

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Im Zusammenhang mit einer Degeneration kann für die Therapieplanung (hier: monokondyläre Prothese lateral) eine MRT erforderlich sein. Im gezeigten Fall sind Knorpel und Meniskus medial zwar sehr gut erhalten, aber das vordere Kreuzband fehlt.

Am Beispiel degenerativer Gelenkerkrankungen erläutert Fischer, weshalb die Indikation für eine MRT immer häufiger gegeben ist: „Noch vor zehn Jahren hätte ich eine MRT bei röntgenologisch nachgewiesener Arthrose für völlig überflüssig erachtet. Auch der Kliniker war mit der Diagnose ‚Arthrose‘ zufrieden. Mittlerweile sind die Behandlungsmöglichkeiten jedoch so vielfältig, dass er außerdem wissen will: Wie ist das Verteilungsmuster der Degeneration? Wie fortgeschritten ist der Verschleiß? Was machen die Knochen und die Bänder? Und so weiter. Nach diesen Kriterien und dem Beschwerdebild entscheidet sich dann, welches Therapieverfahren im individuellen Fall zu empfehlen ist. Ich erkläre den Patienten in diesen Situationen auch, dass es nicht um die Diagnose geht, sondern um die Frage nach den therapeutischen Möglichkeiten.“ Das heiße aber nicht, betont der Experte, dass die MRT andere Bildgebungsmethoden komplett ersetze. Zwar spart man in vielen Fällen durchaus Zeit und Kosten, wenn man direkt mit einer MRT startet, da sich viele Fragestellungen rund um den Bewegungsapparat so bereits umfassend beantworten lassen. Dennoch haben andere Verfahren zweifellos einen hohen Stellenwert in der bildgebenden Diagnostik der Gelenke. Die konventionelle Röntgendiagnostik und die CT sind unschlagbar in der Darstellung der Knochenstruktur. Der Ultraschall liefert heutzutage exzellente Bilder und ermöglicht dynamische Untersuchungen. Er fristet gerade in Deutschland noch immer ein Nischendasein, da die Untersuchung sehr zeitaufwändig ist und je nach Region nicht alle relevanten Strukturen erfasst werden können. Schließlich stellt die Untersucherabhängigkeit ein großes Problem dar.

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Die Pfeile zeigen Befunde (diskreter Meniskusriss, Knorpeldelamination und -fissur), die man vor einigen Jahren aufgrund der schlechteren Bildauflösung noch nicht erkannt hätte. Sie haben aber eine hohe therapeutische Relevanz.

„Die Frage, wie man am effektivsten zu seiner Diagnose kommt, ist heikel“, konstatiert Dr. Fischer. „Hier in der Hessingpark-Clinic haben wir die tolle Situation, dass wir Tür an Tür mit den Orthopäden arbeiten und daher vor der MRT-Untersuchung schon viele Informationen und präzise Fragestellungen haben. Wenn ich in einer Praxis mit externen Zuweisern arbeite, habe ich oft Patienten vor mir, die im Vorfeld kaum begutachtet wurden. Wir kriegen sogar Patienten, die noch gar kein Arztzimmer von innen gesehen haben.“ Man solle jedoch vorsichtig sein, dies gleich zu verteufeln, ergänzt Fischer: „Ich vergleiche es gerne mit dem Ultraschall des Abdomens: Kein Internist wird sich heute auf eine Auskultation und Palpation verlassen, weil er weiß, wie unsicher diese Methoden sind. In der Gelenkdiagnostik ist es vielleicht nicht so extrem, aber es geht in die gleiche Richtung. Wer als Orthopäde ein paar Mal mit der klinischen Einschätzung richtig auf die Nase gefallen ist, wird immer großzügiger die MRT einsetzen. Die Informationen einer MRT sind nun einmal extrem präzise, was man von der klinischen Untersuchung nicht behaupten kann. Wenn sich Fehlentscheidungen, die auch folgenschwere Konsequenzen nach sich ziehen können, mit einer MRT-Bildgebung vermeiden lassen, dann ist das zunächst einmal etwas Positives.“

Für den Radiologen bedeutet diese Entwicklung aber im Umkehrschluss, dass er mehr leisten muss: mehr Informationen liefern, anatomische Strukturen detaillierter erkennen – vor allem muss er viel mehr über die Krankheitsbilder und die Therapieverfahren wissen. Deshalb glaubt auch Wolfgang Fischer wie viele seiner Kollegen daran, dass sich der Trend zur Subspezialisierung in der Radiologie durchsetzen wird. Auch wenn dies im heutigen Praxisbetrieb häufig noch eine Herausforderung darstellt.


Profil:

Dr. Wolfgang Fischer, Jahrgang 1964, studierte Medizin an den Universitäten Heidelberg, Genf und Montpellier. 2001 schloss er seine Facharztweiterbildung für Diagnostische Radiologie ab. Er war Oberarzt an der Klinik für Diagnostische Radiologie und Neuroradiologie am Klinikum Augsburg, bevor er 2008 in das Team der Radiologischen Gemeinschaftspraxis Augsburg-Friedberg wechselte. Er arbeitet vorrangig am MRT-Standort in der Hessingpark-Clinic. Fischer ist bekannt als Referent in den verschiedensten Fortbildungsveranstaltungen und als Autor der Bücher MR-Skript.com und MR-Atlas.com. Er ist außerdem Ausbilder der 2014 neu gegründeten Deutschen Gesellschaft für muskuloskelettale Radiologie (DGMSR).

Veranstaltungshinweis:
Raum: Kultbox
Samstag, 15. Oktober 2016, 10:00–10:20 Uhr
Session: Symposium 12
MSK 2 – Sportverletzungen
Bandverletzungen am Kniegelenk

13.10.2016

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