Die Zeit heilt Tumore

Mit 4D-Bildgebung präzise bestrahlen

Die Strahlentherapie steht immer dann vor einer besonderen Herausforderung, wenn der Tumor „in Bewegung“ ist. Das ist der Fall, wenn in einem Zeitraum von mehreren Wochen bestrahlt werden muss. In dieser Zeit kommt es typischerweise zu Veränderungen der Tumorposition, -form und Ausdehnung. Das macht eine wiederholte Anpassung der Strahlentherapie notwendig, um eine kontinuierlich präzise Bestrahlung zu erreichen.

Report: Chrissanthi Nikolakudi

Behandlungsplan für 4D Strahlentherapie
Behandlungsplan für 4D Strahlentherapie
Quelle: Mit Erlaubnis von Varian Medical Systems

Aber eine besondere Gefahr, den Tumor zu verfehlen und damit den Erfolg der Behandlung zu gefährden, besteht vor allem bei Lungen- und Oberbauchtumoren, da sie ihre Lage durch die natürliche Atembewegung des Patienten um mehrere Zentimeter verändern. Noch bis in die 90er Jahre hinein gab es keine Möglichkeit, diese Bewegungen mit einzukalkulieren – der Patient musste ausgedehnt bestrahlt werden. Denn die klassische, räumlich aufgelöste 3D-Strahlentherapie erfasst den Tumor nur in seiner Lage, Form und Ausdehnung und nimmt ihn ins Kreuzfeuer. „Wenn durch die Bewegung des Tumors die vierte Dimension, also die Zeit, ins Spiel kommt, dann reicht das konventionelle Verfahren nicht mehr aus, dann brauchen wir die 4D-Strahlentherapie“, erklärt Prof. Matthias Guckenberger, Spezialist für Präzisionsstrahlentherapie und Direktor der Klinik für Radio-Onkologie am UniversitätsSpital Zürich, auf der 20. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO).


Bewegungen kompensieren
Die 4D-Strahlentherapie wird auch Körperstereotaxie genannt. Diese nicht-invasive Methode ist auf bildgebende Verfahren wie CT, MR und PET/CT angewiesen, um den Tumor präzise lokalisieren zu können. Mittels der 4D-CT kann nun die Tumorbewegung für jeden Patienten individuell und präzise gemessen werden. Basierend auf dem Ausmaß der Bewegung zum Beispiel von Oberbauchtumoren wird dann die Strategie zur Bewegungskompensation gewählt. „Wenn sich der Tumor mehr als 5 bis 10 Millimeter bewegt, ist die 4D-Bestrahlung vonnöten“, so Guckenberger. Dann stehen dem behandelnden Arzt mehrere Vorgehensweisen und Technologien zur Verfügung, um die hochbeweglichen Tumoren präzise zu treffen. Laut Guckenberger „ist eine Möglichkeit das Gating anzuwenden – die Bestrahlung immer dann auszusetzen, wenn sich der Tumor von seinem Brennpunkt wegbewegt. Bewegt er sich wieder zurück, setzt die Bestrahlung erneut ein. Beim Tracking bewegt sich die Bestrahlung dynamisch und synchron zum Tumor, verfolgt ihn also immer“, erklärt der Professor für Strahlentherapie. Es gibt verschiedene Techniken, die alle gleichermaßen gut sind: „Wichtig ist, dass man sich für eine technische Lösung entscheidet, die konsequent, mit Erfahrung und qualitätsgesichert durchgeführt wird“, so Guckenberger weiter. Praktisch geht das Behandlungsteam aus Ärzten, Physikern und MTRAs dabei in drei Schritten vor: Während der Bestrahlungsplanung wird errechnet, wie groß die Bewegung des Tumors ist. Zweitens wird die Bestrahlung an diese Bewegung angepasst. Daraufhin setzt die Bestrahlung an, die an die Atmung des Patienten anpasst ist.  


Effektiv und schonend
Bei der 4D-Strahlentherapie werden die atembeweglichen Tumore mit  hoher Dosis bekämpft. „Das ist ein großer Vorteil des Verfahrens: „Wir bestrahlen intensiv, dafür aber kurz. Die Methode ist sehr nebenwirkungsarm und ambulant durchführbar“, fasst der Spezialist zusammen. Ergebnisse der Stereotaxie aus 13 deutschen und österreichischen Behandlungszentren zeigen ebenfalls konstant exzellente Ergebnisse: Kleine Lungentumore können mithilfe der 4D-Strahlentherapie so effektiv therapiert werden, dass die klinischen Ergebnisse mit denen in der Chirurgie vergleichbar sind. Somit ist eine Heilung auch bei Patienten möglich, die aufgrund von Begleiterkrankungen nicht operiert werden können. Die Körperstereotaxie wird nun zunehmend auch bei Leber- und Nierentumoren sowie auch Tumorabsiedlungen in der Wirbelsäule eingesetzt – mit sehr vielversprechenden Ergebnissen.


PROFIL:
Prof. Dr. med. Matthias Guckenberger ist Direktor der Klinik für Radio-Onkologie im UniversitätsSpital Zürich, Schweiz. Nach seiner Habilitation zum Thema „Bildgeführte Präzisionsstrahlentherapie“ erfolgte 2012 die Ernennung zum Professor für Strahlentherapie an der Medizinischen Fakultät der Julius-Maximilian-Universität in Würzburg, Deutschland. Ebenfalls seit leitet er die Arbeitsgruppe zur Stereotaxie der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO).

05.03.2015

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