2. Deutscher Interoperabilitätstag

Neustart für die eAkte

Der Deutsche Interoperabilitätstag (DIT) fand 2016 zum ersten Mal zusammen mit dem europäischen Connectathon der „Integrating the Healthcare Enterprise“-Initiative (IHE) statt.

Organisiert vom Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg), dem IHE Deutschland e.V. sowie dem Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH (ZTG) Bochum, war der 1. Deutsche Interoperabilitätstag, mit mehr als 180 Teilnehmern ein großer Erfolg, berichtet der IHE-Gründungsvorsitzende Alexander Ihls. Für den 2. DIT in Dortmund wurde der Kreis der Veranstalter um den HL7 Deutschland e.V. erweitert, er findet nun am 18.10.2017 in Kombination mit der HL7-/IHE-Jahrestagung (19./20. Oktober) statt.

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Politik und Geschäftsführer treffen die „Nerds“ der Branche

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IHE-Gründungsvorsitzender Alexander Ihls.

Als Produktausstellung will Alexander Ihls den DIT nicht verstanden wissen: „Unsere Hauptsponsoren präsentieren natürlich auch ihre Produkte, doch der Fokus liegt auf der Brückenbildung zwischen Politik, Anwendern und Spezialisten.“ So soll ein Forum entstehen, in dem sich alle beteiligten Parteien austauschen können. Von der Zusammenlegung des DIT mit der HL7/IHE-Jahrestagung verspricht sich Ihls einen Synergieeffekt. „Wir hoffen, dass die Besucher auch die technisch orientierten Vorträge besuchen und dadurch ein größeres Verständnis und Wissen untereinander geschaffen wird.“ Das ist für den IHE-Vorsitzenden das Fundament, auf dem die Interoperabilität in Deutschland stehen soll.

Als Keynote-Speaker konnten die Organisatoren Martin Litsch gewinnen. Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands spricht über die digitale Zukunft des Gesundheitswesens. „Das ist ein enorm spannendes Thema“, wirbt Ihls für die Teilnahme. Ebenfalls am Rednerpult steht Prof. Dr. Peter Haas von der Fachhochschule Dortmund, der über die ethischen Vorzüge in der Versorgung durch Interoperabilität referiert.

ePatientenakte steht im Fokus

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Das Logo des 2. DIT.

Eine wichtige Rolle beim 2. DIT wird die elektronische Patientenakte (ePA) einnehmen, deren Einführung in Deutschland in den kommenden Jahren geplant ist. Im Rahmen der Bundestagswahl im September hatte das Thema erneut an Brisanz gewonnen, berichtet Ihls. „Eine zentrale Frage ist, ob die gematik, die als zuständige Organisation die ePA bis Ende 2018 vorbereiten soll, ihren Auftrag überhaupt erfüllen kann. Als Konstrukt der Selbstverwaltung und Schirmherrin des vesta-Verzeichnisses ist die gematik in einer Doppelrolle, in der zu befürchten ist, dass manche Entscheidungen eher politisch als technisch begründet sein werden. In der Kritik stehen insbesondere die von der gematik selbst festgelegten Spezifikationen sowie die in einigen Bereichen recht intransparente Ausprägung der Geschäftsordnung des vesta-Verzeichnisses.

Auch die Keynote-Speaker Litsch und Haas kritisieren den desaströsen Planungsstand des deutschen Rollouts. Die Kassen haben inzwischen 1,4 Milliarden Euro in die gematik investiert, aber keine vorzeigbaren Ergebnisse erhalten, so der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands. Haas setzt in seiner Studie die Ergebnisse der Planungsstudie Interoperabilität des Bundesgesundheitsministeriums fort. Er kommt zu dem Schluss, dass die Umsetzung der eAkte in die Hände einer hoheitlichen Organisation übergeben werden muss, um die Rechtssicherheit bei bundesweit einheitlichen Regelungen zu gewährleisten. Ihls: „Die Forderung lautet also, der gematik das Thema zu entziehen und es einer Organisation zu übergeben, die etwa direkt dem Ministerium untersteht – zum Beispiel das bereits existierende Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI).“ Denkbare Alternativen sind eine Bundesnetzagentur für Gesundheit oder ein eigenes Gremium, das von Bundesrat und Bundestag besetzt wird. Dort wäre natürlich auch die Selbstverwaltung einbezogen, allerdings in rein beratender Funktion.

Da sich alle großen Parteien das Vorantreiben der Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben haben, ist nach der Wahl mit Bewegung auf diesem Gebiet zu rechnen, ist Ihls überzeugt. „Auf die Notwendigkeit, die Standardisierung in Deutschland an internationalen Entwicklungen, wie den Profilen der IHE festzumachen, haben sich mittlerweile alle geeinigt – jetzt ist es vor allem eine Frage der Umsetzung.“

Eine Misere – doch kein Zurück auf Los

Wir sollten endlich den Mut haben, das Rad nicht neu erfinden zu wollen, sondern das, was da ist, zu nutzen

Alexander Ihls

Steht die ePatientenakte nach dem Wegfall des nicht tragfähigen Fundaments der gematik also wieder ganz am Anfang? Bei Weitem nicht, sagt Ihls mit Verweis auf viele weitere europäische Länder: „Wir sollten endlich den Mut haben, das Rad nicht neu erfinden zu wollen, sondern das, was da ist, zu nutzen. Dadurch könnte Deutschland nicht nur von den Fehlern, sondern vor allem den positiven Erfahrungen profitieren, die beispielsweise Österreich, die Schweiz, England, Frankreich und Polen gemacht haben. Inzwischen sind fast alle im Begriff, nationale Systeme für Patientenakten nach IHE-Profilen aufzubauen oder schon zu betreiben. Diese Entwicklung dürfen wir nicht verschlafen.“ In diese Kerbe soll auch der 2. DIT schlagen – und durch das Zusammenführen von Politik, Wirtschaft und Medizinern Verständnis schaffen. „Das Ziel muss sein, eine Interoperabilitätsinitiative zu schaffen, die auf Basis von strukturierten Patientenakten hilft, die medizinische Versorgung zu verbessern und sicherzustellen.“


Profil:

In seiner Rolle bei InterSystems verantwortet Alexander Ihls die Vermarktung verschiedener Healthcare-Produkte und die Entwicklung von Services in der DACH-Region und vertritt das Unternehmen in deutschen und europäischen Gremien der Healthcare-IT. Seit vielen Jahren ist Ihls in verschiedenen nationalen und internationalen Gremien der Standardisierung von Healthcare IT engagiert und war u. A. Gründungsvorsitzender der Initiative „Integrating the Healthcare Enterprise“ (IHE) Deutschland (2004-2006), für deren Industriemitglieder er seit 10/2014 erneut den Vorsitz übernommen hat. Seit Januar 2017 ist er stellvertretender Vorsitzender des neu gegründeten Spitzenverbands IT-Standards im Gesundheitswesen (SITiG).

27.09.2017

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