Register

Vergleichen, ohne an den Pranger zu stellen

Warum verläuft die Genesung eines Patienten mit einer schlechten Prognose auf der einen Intensivstation so gut und warum verstirbt in einer anderen Klinik ein Patient an unerwarteten Komplikationen? Diese und ähnliche Fragen stellen sich nicht nur Patienten und Angehörige, sondern auch Ärzte und Krankenpfleger der Intensivmedizin. Mit DIVI-REVERSI, dem Register Versorgungsforschung Intensivmedizin der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), besteht nun erstmals die Möglichkeit, dass die verschiedenen intensivmedizinischen Einheiten ihre Arbeit untereinander vergleichen, besser einschätzen und so Schwachpunkte gezielt erkennen können.

Datenfluss-Diagramm DIVI-REVERSI
Datenfluss-Diagramm DIVI-REVERSI
Prof. Dr. Gerhard W. Sybrecht, Geschäftsführer der SIN mbH, einer...
Prof. Dr. Gerhard W. Sybrecht, Geschäftsführer der SIN mbH, einer 100-prozentigen Tochter der DIVI.
Quelle: Zhouri/ERS

Wenn auf dem diesjährigen Kongress der DIVI im Dezember den Mitgliedern die Praxistauglichkeit des Registers vorgestellt wird, liegt ein bald 17-jähriger Prozess von der Idee bis zur Realisierung hinter den Initiatoren. „Benchmarking ist ein weites Feld und sicherlich gibt es einige Aspekte der Intensivmedizin, die sich dazu eignen. Aber es müssen sehr viele Aspekte definiert werden, um das zu leisten, was man heute unter Benchmarking versteht. Vor allem geht es uns darum, dass die teilnehmenden Kliniken mit REVERSI ihre Arbeit besser vergleichen können, ohne an den Pranger gestellt zu werden“, erklärt Prof. Dr. Gerhard W. Sybrecht, Geschäftsführer der SIN mbH, einer 100-prozentigen Tochter der DIVI, die sich um die Realisierung von DIVI-REVERSI kümmert.

Mit der Gründung der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Qualitätssicherung im Jahre 1999 hatte die Fachgesellschaft erstmals das Ziel formuliert, ein nationales Register mit wesentlichen Eckdaten zur intensivmedizinischen Behandlung in Deutschland zu schaffen. Dann wurde lange Zeit gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) an einem „Kerndatensatz Intensivmedizin“ gearbeitet, der 2010 in der heutigen Form verabschiedet wurde.

Mit viel Ausdauer zum Kerndatensatz

„Es ist sehr aufwendig und schwierig zu bestimmen, welche Parameter für ein Benchmarking relevant sind. Deshalb war die Entwicklung des Kerndatensatzes und damit auch der Eingabemaske so langwierig, weil er immer wieder modifiziert werden musste. Denn nur, wenn die Dateneingabe exzellent und sauber ist, können die Qualitätsindikatoren auch zu einer belastbaren Aussage führen“, stellt Prof. Sybrecht klar.

Der Zustand eines intensivmedizinischen Patienten lässt sich schon lange nicht mehr auf der Fieberkurve ablesen. Dafür bedarf es in erster Linie bestimmter „Scores“, die angewendet werden müssen. In der ersten praktischen Erprobung des Datensatzes, an der bis einschließlich 2008 insgesamt 59 Intensivstationen teilnahmen, wurde vor allem der hohe zeitliche Dokumentationsaufwand, insbesondere für die tägliche Verlaufsdokumentation, beanstandet. Dieser Klage wurde Rechnung getragen, indem wir die tägliche Dokumentation auf die im Rahmen der DRG-Kodierung erforderlichen Daten reduzieren und beispielsweise auf die Erfassung des SOFA-Scores (Sequential Organ Failure Assessment) verzichten. Außerdem beschränken wir die Datenerfassung auf solche Patienten, die länger als 24 Stunden auf der Intensivstation liegen.

Am Ziel mit der Eingabemaske

Zu Beginn der Teilnahme am DIVI-REVERSI werden Strukturdaten der jeweiligen Intensivstastation (IST) erfasst. Hierfür erfassen wir insgesamt 23 Variablen. die mindestens einmal jährlich aktualisiert werden müssen. Der komplette Aufenthalt des Patienten auf der ITS wird dokumentiert. So wird die Aufnahme mit 25 Variablen (u.a. SAPS3) abgebildet. Der tägliche Verlauf wird durch die zwei Variablen SAPS2 und TISS Core-10 dokumentiert. Mit noch einmal 11 Variablen für die Entlassung wird die Erfassung abgeschlossen.

„Das unterscheidet DIVI-REVERSI von anderen Ansätzen des Qualitätsbenchmarkings. Wir haben viele, fein differenzierte Qualitätsmerkmale in unserem Kerndatensatz. So können wir die Ursachen eines schlechten Verlaufs einfach nachvollziehen“, schildert Volker Parvu, Geschäftsführer der DIVI, die Vorteile des neuen Registers. 

Wie aber gelangen die Daten in das Register und wie trägt man den unterschiedlichen IT-Strukturen in den Kliniken Rechnung? Parvu: „Die sofort umsetzbare Möglichkeit besteht mit der händischen Eingabe über ein Webportal. Alternativ kann die Eingabe auch über vorgegebene Datendefinitionen elektronisch am Ende der Entlassung oder auch während des Aufenthalts in das Register erfolgen. Da jede Klinik eine eigene Datenstruktur (PDMS, KIS) hat, sind hierzu individuelle Lösungen notwendig. Durch die klaren Vorgaben des DIVI-REVERSI sind diese jedoch schnell zu realisieren.“

Hindernislauf Datenschutz

Nach der technischen Realisierung von DIVI-REVERSI mit Unterstützung der Firma ADJUMED Services AG bedurfte es noch eines weiteren Jahres um dem hohen Anspruch des Datenschutzes in der Bundesrepublik Deutschland zu genügen. Da die einzelne ITS bis zur Analyse des Jahresberichts auf einzelne Fälle - zur eigenen Qualitätskontrolle - zurückgreifen möchte, müssen die Patientendaten pseudonymisiert werden. Dazu mussten Treuhänder und Verschlüsselungssoftware eingesetzt werden, um die Daten von Klinik und Patienten vor Dritten zu schützen. Weder die SIN mbH noch die DIVI oder andere Kliniken können einzelne Stationen oder gar Patienten anderer Stationen identifizieren. „Eine Einwilligung des einzelnen Patienten zur Teilnahme am DIVI-REVERSI ist meistens aufgrund seiner Erkrankung nicht direkt möglich und durch das angewandte sichere Datenschutzverfahren auch nicht notwendig. Dennoch können der einzelne Patient oder auch dessen Angehörige im Verlauf die Teilnahme ablehnen, dann werden die Daten entweder komplett anonymisiert oder sogar ganz gelöscht“, erklärt der Professor.

Dieses Datenschutzverfahren wurde von der TMF (Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung) geprüft und als adäquat und praktikabel angesehen. Das Gutachten ist die Grundlage zur positiven Entscheidung der jeweiligen regionalen Datenschutzbeauftragten.

Noch wurden routinemäßig keine Daten erfasst, aber erste Testläufe gab es bereits in Essen unter Prof. Christian Waydhas. In Hannover, Bochum und Göttingen und in weiteren Häusern der Maximalversorgung steht man in den Startlöchern. „Wir hoffen bis zum Jahreskongress der DIVI im Dezember positiv über praktische Erfahrungen berichten zu können. Dies wird die Grundlage sein für andere Kliniken, sich für eine Teilnahme zu entscheiden. Wir gehen davon aus, dass sich durch dieses Qualitätsprogramme  wissenschaftliche Fragenstellungen ergeben, die bisher im Bereich der Intensivmedizin weder national noch international erforscht werden können. Auch für die Krankenhausträger und politische Entscheidungen können objektive Daten für die Versorgungsforschung generiert werden“, so Prof. Sybrecht abschließend.


PROFILE:
Bis 2010 war Prof. Dr. Gerhard W. Sybrecht, Direktor der Abteilung Pneumologie, Allergologie, Beatmungs- und Umweltmedizin, der Inneren Medizin V des Universitätsklinikums des Saarlandes. Er war Präsident und Präsidiumsmitglied verschiedener nationaler und internationaler Fachgesellschaften. Von 1997 bis 2014 gehörte er als ordentliches Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft an, seit 2015 als außerordentliches Mitglied. Bis zu seiner Bestellung als Geschäftsführer der SIN mbH war er Präsidiumsmitglied der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Der Diplom-Informatiker Volker Parvu steht der DIVI seit 2008 als Geschäftsführer vor.


Veranstaltungshinweis:
conhIT, 20. April 2016, 11:30 Uhr, Saal 2
Qualitätsbenchmarking für die Intensivmedizin
Volker Parvu, Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin
Session 11: Benchmarking in der Gesundheitswirtschaft – Methoden, Projekte, Erfahrungen und Ergebnisse

19.04.2016

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