Künstliche Intelligenzen, „Big Data“ und Roboterassistenzen...
Künstliche Intelligenzen, „Big Data“ und Roboterassistenzen revolutionieren Diagnostik und Therapie von Wirbelsäulenerkrankungen.

Source: shutterstock/Roman Zaets

Fachkongress

KI und Roboterassistenzen revolutionieren Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen

„Wandel in die Zukunft“ – mit dem Motto der 14. Jahrestagung der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft e. V. vom 28.–30.11.2019 in München setzt Kongresspräsident Prof. Dr. Bernhard Meyer neue Akzente und etwas andere Schwerpunkte als üblich. Im Interview gibt er Ausblick auf das Fachgebiet und einen Einblick in die Highlights der Tagung.

Welchen Einfluss werden neue Technologien auf Diagnostik und Therapie von Wirbelsäulenerkrankungen haben?

Ich bin überzeugt, dass bereits Künstliche Intelligenzen in fünf Jahren ein fester Bestandteil in der Routinediagnostik sein werden, in erster Linie in der apparativen Diagnostik wie Radiologie etc. Wir werden aber auch den Einzug in die klinische Routine-Diagnostik sehen, um dort dann Therapieentscheidungen zu optimieren. Wir werden den Nachweis erleben, dass dies der rein „menschlich-ärztlichen“ Beurteilung überlegen ist – wie wir es bereits zum Teil in der Radiologie sehen. Die Entwicklung wird bei den häufigen und weniger kritischen Krankheitsbildern beginnen und dann auf die schweren und seltenen übergehen.

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Was bedeutet es für die Wirbelsäulenchirurgie, wenn zunehmend robotische Assistenzen Teile der Operationen begleiten?

Die Robotik im OP Saal ist ja nicht ganz neu. Wie bei manch anderen Technologien bedarf es aber oft zweier Anläufe. Dies beobachten wir gerade. Hier müssen aber die Erwartungen gedämpft werden, was die Geschwindigkeit der Entwicklung angeht – im Gegensatz zu der Entwicklung in KI und Diagnostik. Dies liegt sowohl an technischen Hürden als auch an den extrem hoch anzusetzenden Sicherheitsstandards. Die momentan bereits auf dem Markt befindlichen Robotiksysteme sind im Prinzip mehrheitlich etwas bessere Navigationssysteme zur Implantation von Schrauben in der Wirbelsäule. Ihr Vorteil gegenüber „normalen“ Navigationssystemen ist momentan noch relativ marginal und der Mehrpreis für die Routineanwendung meist nicht ganz gerechtfertigt. Dennoch ist es unerlässlich, hiermit in der klinischen Forschung die Grenzen weiter zu verschieben. Dies wird wie so oft in der Medizin in kleinen inkrementellen Schritten erfolgen. Wir werden in etwa zehn bis zwanzig Jahren im Rückblick zu heute einen klaren Vorteil erkennen, der den Routineeinsatz rechtfertigt.

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Welche Änderungen wird es beim beim Weiterbildungscurriculum für die Wirbelsäulenchirurgie und die fortlaufende Zertifizierung von Wirbelsäulenzentren geben?

Das Ziel der DWG war von Anfang an, über ein strukturiertes persönliches Zertifizierungsprogramm in Verbindung mit einer institutionellen Zertifizierung – das heißt von Wirbelsäulenzentren in Kliniken – die Versorgung von Patienten mit Wirbelsäulenerkrankungen deutschlandweit qualitativ zu verbessern und regionale ebenso wie fachspezifische (Orthopädie oder Neurochirurgie) Unterschiede „auszubügeln“. Dies ist in den letzten zehn Jahren hervorragend gelungen, was auch der unverminderte Andrang zur Zertifizierung belegt. Auch haben sich inzwischen die Weiterbildungscurricula europaweit angeglichen, wobei die DWG die treibende Kraft war.

Nachdem dies nun erreicht ist, strebe ich in meiner Amtszeit an, den Anstoß zu geben für eine Zusatzweiterbildung „spezielle Wirbelsäulenchirurgie“, die fest in den Mutterfächern (Neurochirurgie und Orthopädie/ Unfallchirurgie) verankert ist. Wir würden somit die Weiterbildung im Fach Wirbelsäulenchirurgie, deren Grundlage das erprobte Curriculum wäre, wieder zurückgeben an die Mutterfächer, was eine noch weitere Verbesserung der Ausbildung und somit der Versorgung unserer Patienten zur Folge hätte. Es gibt zwar im Moment fachlich nicht begründete politische Widerstände, aber ich bin mir sicher, dass die Initiative nicht aufzuhalten sein wird.

Das wissenschaftliche Programm ist wieder vielfältig. Auf welche aktuellen Themen sind Sie besonders gespannt?

Drei Themen werden in Pro-Contra Sitzungen beleuchtet werden, die alle übergreifende, systemrelevante Inhalte haben. Die Versorgung von Patienten, die an Krebs leiden und Metastasen an der Wirbelsäule entwickeln, hat aufgrund der verbesserten Therapiemöglichkeiten der Grunderkrankung massiv zugenommen und erfordert ein Überdenken der bisherigen Strategien. Die Mengenausdehnung der operativen Eingriffe im Bereich der degenerativen (Verschleiß-) Erkrankungen der Wirbelsäule fordert immer wieder massive öffentlich Kritik heraus. Wir wollen beleuchten, ob und welche Eingriffe jetzt und in Zukunft indiziert sind und welche zu Recht kritisiert werden. Zuletzt soll noch ein Thema aufgegriffen werden, das auch zunehmend Bedeutung gewinnt und in dem sich ebenfalls ein Strategiewechsel andeutet, nämlich die Revisionseingriffe nach stabilisierenden Eingriffen an der Wirbelsäule.

Der stetig anwachsende Datenpool des DWG-Wirbelsäulenregisters bietet aktuelle Erkenntnisse für Ärzte, Patienten und Kostenträger. Welche aktuellen Entwicklungen werden beim Kongress diskutiert?

Die DWG unternimmt im Moment große Anstrengungen, die Struktur des bisherigen Registers inhaltlich zu optimieren und gleichzeitig den zukünftigen Anforderungen (z.B. gesetzlich verpflichtende Implantatregister) anzupassen. Die nunmehr verpflichtende Eingabe von Daten aller operierten Patienten in das bisherige Register für alle DWG-zertifizierten Wirbelsäulenzentren hat zu einem sehr hohen Anstieg an Dateneingaben geführt, womit zumindest ein mehr oder weniger repräsentatives Bild für Deutschland erzeugt werden kann.

13.09.2019

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